Versandkostenfrei bestellen
Ausgabe für 5,80€ bestellen » FMW Jahresabo für 24,80 € bestellen »

WINDGEIST

Achim Stuzmann war einer der besten Kitesurfer des Nordens. In Brasilien schluckt er eine Auster, sieben Tage später ist er vom Kopf ab gelähmt. Es folgt eine Reise, die man nur mit viel Lebenskraft besteht

Ein gelähmter Surfer kämpft sich zurück aufs Board

Text: Marc Bielefeld / Fotos: Tina & Frank Dietz

Ein grauweiß gestrichenes Haus steht in der Poststraße am südwestlichen Ende der Insel Fehmarn, es steht fast direkt am Meer. Nach einigen Metern kommt der kleine Deich, dahinter schwappt die Ostsee schon an den schmalen Strand. Es ist das Wochenende vor Weihnachten 2013. Es ist jetzt über zwei Jahre her, dass er die Auster aß.


Achim Stuzmann sitzt in dem Haus an seinem Küchentisch und fragt, ob ich sehe, wie glatt das Wasser hinter der Mole ist. Nach einer Weile sagt er: »Es ist perfekt heute, wie eine Piste.« Zwanzig, dreißig schnelle Schritte würden genügen, bis die Füße im kalten, klaren Wasser stünden und dann in den Fußschlaufen Halt fänden. Der Drachen würde in einer steilen Kurve vom Himmel fliegen, das Board sofort loszischen. Stuzmann steht auf, er muss sich dafür am Tisch festhalten. Er will den Hund rauslassen, und wenn er durchs Wohnzimmer zur Haustür läuft, schleppen seine Füße hinterher. Aber er kann wieder ein paar Meter gehen.


Ein strammer Wind aus West weht an diesem Nachmittag über die Insel, das Tiefdruckgebiet hat ungewöhnlich warme Temperaturen gebracht, acht, neun Grad, und es ließe sich jetzt sonst was mit diesem milden Dezemberwind anstellen. Man könnte Kurven ins Meer schlitzen, sich in die Luft heben lassen. Wer es beherrscht und dazu imstande ist, der könnte mit seinem Lenkdrachen und dem Kiteboard Kreise in den grauen Himmel fliegen. Loopings, den Kopf im Sprung nach unten gerichtet.
Manchmal wandern Stuzmanns Gedanken nach Brasilien zurück, verlieren sich danach in dem, was er einen dunklen Wald nennt, einem Wald, der auf keiner Landkarte verzeichnet und in keinem Surfguide vermerkt ist, aber dann fängt er sich, und dann liegt da wieder die Ostsee vor seinem Haus, und der Tee ist fertig. Achim Stuzmann schaut aus dem Fenster. Zwei Surfer in schwarzem Neopren tragen ihr Material durch den Garten nebenan. Über dem Wasser im Osten ziehen zwei Kitedrachen, in der Orther Bucht sind die Segel der Windsurfer zu sehen. Weihnachtssurfen. Sie machen das immer, wenn die Temperaturen es irgendwie erlauben. Auf der Reede stehen Schaumkronen.


Stuzmann zeigt auf das dreigeschossige Nachbarhaus gegenüber, in dem Ferienwohnungen liegen. »Siehst du das Haus da vorn?«, fragt er. »Ich bin mit dem Kite schon so hoch gesprungen, dass ich das Dach von oben sehen konnte.« Er muss weit über zehn Meter in der Luft gewesen sein. Stuzmanns lange blonde Locken sehen noch immer so zerzaust aus, als wäre er gerade irgendwo auf der Welt aus den salzigen Wellen gestiegen, hätte sein Board am Strand abgelegt und das Segel in den Sand gedrückt. Doch jetzt ist Winter, und dies ist Deutschland, und in dem kleinen Ort namens Orth ist fast nichts los. Auf dem Parkplatz um die Ecke steht sein Bus, mit dem Logo seines Kiteshops, der Windgeister heißt. Die gesamte rechte Seite des Wagens ist mit einem Foto bedruckt, auf dem Stuzmann formatfüllend über das Wasser fegt, so schnell und bei so viel Wind, dass er auf dem Meer zu liegen scheint. Freihändig hängt er im Trapez tief unter dem Drachen und lacht in die Kamera, Wasser spritzt.


Achim Stuzmann, der Name passt nicht so recht zu einem der besten Kitesurfer der Insel. Alle nennen ihn Stuzi. Und alle wissen um ihn. Doch keiner weiß, wie es in dem dunklen Wald war. Niemand kann es sagen, fühlen, wissen. Und niemand kann es aufschreiben. »Kennst du diese Stände an den Flughäfen, wo du dir deine Koffer in Plastikfolie einschweißen lassen kannst?«, fragt er. »So war das in dem Wald. Du bist der Koffer, und dann kommt die Plastikfolie, und du wirst darin eingeschweißt. Immer enger, immer weiter, die Folie legt sich um deine Beine, deine Arme, deinen Körper, bis du dich nicht mehr bewegen kannst. Nur noch deinen Kopf kannst du bewegen, wenn du Glück hast.«


Stuzi, 53 Jahre alt, sitzt auf dem Stuhl und macht einen Witz in seinem Schwäbisch. Er kann wieder lachen, aber er weiß jetzt, dass lachen zu können keine Selbstverständlichkeit ist, und auch der Begrif des Muts hat für ihn eine andere Dimension gewonnen. Nicht vergleichbar mit jener Art, die nötig ist, um mit vierzig Kilometer pro Stunde auf eine fünf Meter hohe Welle zuzufahren. Dies ist eine andere Kategorie. Großer, dunkler, schrecklicher Mut. (...)

 

Den kompletten Artikel findest Du in der Ausgabe 1/14

Erlebe FREE MEN'S WORLD viermal im Jahr für 23,20 €

Mehr Abenteuer gewünscht? Hier sind weitere Artikel

Weitere Ausgaben nach deinem Geschmack