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Wind und weg

Auch das Leben auf dem Boot auf weiter See blieb nicht verschont durch die Pandemie. Nach Ende der Lockdowns sticht die Crew der "Solemar" wieder in See - wind und weg!

TEXT: Marc Bielefeld

Der erste Törn nach Corona fühlt sich an wie der Flug in eine neue, fragile Zeit. Das verfluchte Virus. Zum Schluss hatte es sogar dem Leben auf einem Boot ein Ende gemacht. Dem geliebten Segeln. In Europa herrschten fast überall Hafenzutrittsverbote, die Skipper durften nicht einmal mehr auf die Stege zu ihren Schiffen. In der Karibik lagen die Jachten vor Anker, verdonnert zur Quarantäne. Sogar die ferne Südsee hatte dichtgemacht. Nun aber, nach all den Lockdowns, geht es wieder los. Auch wir wollen den Bug in den Horizont stecken, wollen Salzwasser schmecken und endlich wieder raus. Wind und weg!

Der erste Törn in diesen virulenten Zeiten kommt einem symbolischen Akt gleich. Was steht schon so exemplarisch für die Freiheit wie das Segeln auf dem offenen Meer? Doch alle mussten inzwischen dazulernen, ob sie wollten oder nicht: Selbst das grenzenlose Abenteuer auf dem Wasser hat seine Grenzen. Es kann staatlich niedergerissen, kann ausgehebelt werden von einem 160 Nanometer winzigen Erreger.

Unser Schiff, eine alte, weiße, 43 Fuß lange Ketch, liegt südlich von Barcelona. Es ist Mitte Juli, der Himmel wolkenlos und heiß. Vor uns: das Mare nostrum. Die azurblaue Schönheit unter den Meeren, ein aquamarines Paradies in der Glut des Südens. Meine Freundin und ich legen an einem Donnerstag ab, wollen 95 Seemeilen nach Südosten segeln. Gut zwanzig Stunden wird die Überfahrt dauern, einmal durch die Nacht, bis am nächsten Morgen die Westküste Mallorcas aus den Fluten ragt. 

Wir setzen alle Segel, Genua, Groß, Besan, so ziehen wir hinaus, wie ein einsamer Seevogel. Das Land schwindet schnell, bald sehen wir nur noch vereinzelte Fischerboote, eine Fähre in der Ferne. Rundherum nur Meer und Himmel, die kathartische Weite der See. Ich starre ins Wasser. Es ist von einer obszönen, trans­luzenten Bläue. Am liebsten würde ich dieses Meer saufen! Doch es mischt sich, heute, ein seltsames Gefühl in diesen Rausch, allein auf weitem Meer zu sein. Das Paradies hat einen Knacks abbekommen. Durch den Klimawandel, die Verschmutzung der Ozeane, die Überfischung. Nun auch noch Corona. Was ist los mit unserer Erde? Was haben wir getan? Wie geht es den Ozeanen, wie steht es ums alte Mittelmeer? In Anbetracht des ganzen Wahnsinns muss wohl auch diese Frage gestellt werden: Existiert sie überhaupt noch – die letzte große Freiheit da draußen auf dem Wasser? Das sorglose Dümpeln vor Anker, in den Buchten? Oder mischt sich inzwischen sogar hier ein dystopischer Beigeschmack ins große Glück? Das schale Wissen, dass alles zu spät ist. 

Im Sonnenuntergang kreuzen vier Delfine unseren Kurs, dann segeln wir in die Nacht. Die Costa Dorada liegt längst meilen­weit zurück, auf der Seekarte stürzen die Tiefenangaben ins Bodenlose: 2081 Meter Wasser haben wir unterm Kiel, als wir in die Balearensee hineinsteuern. Oben funkeln die Sterne, die Milch­ straße, unten umfließt ein leises Rauschen den Bug. Noch um drei Uhr morgens ist es tropisch heiß, wie ein feuchtes Tuch legt sich die Nacht aufs Boot, auf unsere Körper. 

 


Den kompletten Artikel findest Du in der Ausgabe 3/2020

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