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WER SICH REGT, HAT VERLOREN

Weit im Westen der Mongolei gehen kasachische Nomaden mit Steinadlern auf die Jagd. Als Küken kommen die Raubvögel zu den Menschen und werden Teil der Familie. So lange, bis sie ihre Freiheit wiedererlangen.

TEXT: Maik Brandenburg / FOTOS: Florian Bachmeier

Auf einen Schlag ist der Himmel leer. Kein Vogel weit und breit, selbst die Wolken sind geflohen. Kein Murmeltier
huscht zwischen Steinen, kein Hase mümmelt an den Büschen im Geröll. Zwischen den Felsen, über den Gipfeln,
in den Schluchten – nicht ein Laut. Dabei war eben noch so viel Bewegung ringsum. Jetzt ist es, als halte die Welt
den Atem an. Das liegt an Paimas. Entspannt sitzt der Steinadler an der Seite seines Herrn hoch auf dem Berggrat. Paimas ist ein sieben Jahre altes und sieben Kilo schweres Weibchen, vom Kopf bis zur Schwanzspitze bald einen Meter groß. Ihre Augen, die einen Hasen noch auf über 1000 Metern erkennen können, schimmern gelblich.
Ihre Schenkel sind muskulös, ihre Flügel könnten einen Kleinwagen umfassen. Die graublauen Krallen sind gekrümmt wie kleine Türkendolche, der Schnabel ist spitz und scharf wie ein Seziermesser. Alles zusammen macht Paimas zu einer präzisen, tödlichen Waffe für jedes Lebewesen der Umgebung. Darum diese gespenstische Stille. Die Tiere spüren: Wer sich jetzt regt, hat verloren.

Auch Spai Bashakhan sitzt fast regungslos da. Nur sein Kopf bewegt sich langsam wie ein Geschützturm von rechts nach links. Hoch auf dem Berggrat überblickt der 54-jährige Kasache das Areal. In der Ferne ziehen Wildpferde dahin, ein Fluss schneidet durch die Ebene, noch weiter entfernt steigt Rauch aus Nomadenzelten. Von dort war Spai Bashakhan am Morgen aufgebrochen. Sein schwerer, bunt bestickter Mantel aus dem Fell von sieben Steinböcken bedeckte den Sattel seines kleinen Pferdes. Das starke Pony hat keinen Namen, es ist nur ein Pony. Der Adler aber heißt Paimas, das bedeutet „die Mutige“. Der Vogel hockte während des ganzen Ritts auf dem rechten Arm des Jägers. Jetzt sitzt er neben ihm auf einem Stein und pickt teilnahmslos im Gefieder. Die untergehende Sonne befeuert die Bergflanken in einem irren Lichtspiel aus rötlichen Reflexen. Es macht klar, warum diese Gegend des Altai-Gebirges, gelegen im äußersten Westen der Mongolei, »Kisil Tschar« genannt wird – die Roten Berge.
Doch Spai hat kein Auge für die flimmernde Pracht. Konzentriert blickt er nur auf das abfallende Geröll vor ihm. Links sieht er seinen Sohn Tileitschan, er sitzt mit seinem eigenen Adler auf einer Felskuppe. Einen Sommer hat er ihn trainiert, dies ist sein erster Einsatz. Von rechts hört Spai die Rufe seines Sohns Seriktschan. Mit einem langen Stock schlägt der auf die Steine, um die Beute aufzuscheuchen. Doch es rührt sich nichts. Nur der Adler wippt ungeduldig mit dem Kopf. Noch trägt er eine Lederkappe über den Augen. »Sonst würde er auf jede Maus losgehen«, erklärt Spai.

Der Jäger will aber keine Maus. Er will einen Fuchs. Er braucht dessen Fell für seinen fünf-jährigen Enkel Asylmurat. Es soll eine echte Mütze für Berkutschis werden, für Adlerjäger. An die 400 soll es noch geben, zumeist sind es mongolische Kasachen im fernen Westen des Landes, dort, wo China, Russland und die Mongolei aneinanderstoßen. Spai nimmt für die Mütze das dichte, kurze Haar der Läufe, es ist besonders weich. So wird sie später nicht allzu schwer sein und  trotzdem warm halten. Die Felle von sechs mal vier Fuchspfoten sind für eine Mütze nötig. Bislang hat Spai gerade ein Dutzend. Er hofft, dass heute noch...


Den kompletten Artikel findest Du in der Ausgabe 2/2018

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