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ÜBER ALLE BERGE

Es geht nur an wenigen Tagen im Winter. Der Wind, das Hochdruckgebiet – alles muss stimmen. Jetzt nur nicht den Moment verpassen. Der Heißluftballon hebt ab. Die Alpen. Oben eisblauer Himmel, unten verschneite Gipfel. Dazwischen sechs Menschen in einem Weidekorb...

Ballonfahrt über die Alpen

Text: Günter Kast  |  Fotos: Oliver Soulas

Katerschwarze Nacht bei der Anfahrt zum Startplatz zwischen Kufstein und Kitzbühel. Dicke Nebelschwaden, keine Sterne am Himmel. Erste Zweifel kommen auf: Sieht so das optimale Wetter für eine Tour aus, bei der man mit gut 90 Sachen in fast 6.000 Meter Höhe über die Alpen saust – und das nur in einem windigen Korb? Norbert Schneider, der Chef von Pioneer Travel im oberbayerischen Chiemgau, sagt: »Das passt schon. Wir bekommen Nordföhn mit schönem Wetter dort oben und auch drüben in Italien.«

Sein Anruf kam überraschend: »Morgen öffnet sich ein Wetterfenster. Kannst du um 5.10 Uhr an der Autobahnraststätte Samerberg Nord sein?« Viel Zeit zum Nachdenken blieb nicht. Norbert telefonierte sich durch seine Warteliste. Von oben nach unten. Wer spontan Ja sagte, ist jetzt dabei. Alle anderen haben Pech gehabt.

Auf einer Wiese bei Söll will er starten. Norbert hat diesen Ort mit Bedacht gewählt. Die Nordströmung soll den Ballon von hier über die Alpen bis zu einem geeigneten Landeplatz in Norditalien tragen. In der Dunkelheit machen wir die Ausrüstung startklar: hieven den schweren Korb vom Anhänger, entrollen die Hülle, blasen mit einem Riesenföhn 7.000 Kubikmeter Luft hinein. Mit dem Brenner erhitzen wir die Luft anschließend auf 100 Grad, bis sich der Ballon aufrichtet. Morgenerektion sozusagen. Begleitet werden wir von einem zweiten Ballon, gesteuert von Norberts altem Kumpel Günter Härter. Der Vorteil im Zweierpack: Nur ein Pilot muss mit den Fluglotsen in Österreich und Italien kommunizieren.

Dann muss es schnell gehen, Norbert hat von der Flugsicherung Innsbruck grünes Licht bekommen. Um exakt 7.10 Uhr klettern wir in den Korb. Bernd Püschel aus Prien am Chiemsee ist ein alter Transalp-Hase. Der Architekt unternimmt die Fahrt bereits zum zweiten Mal. Doch jetzt ist erstmals sein 16-jähriger Sohn Konstantin dabei, außerdem noch Andi aus Burghausen, Bernds Schwager und wie er 50 Jahre alt.

Wenige Sekunden nach dem Start herrscht Stille, die nur vom Fauchen des Propangasbrenners unterbrochen wird. Der Ballon steigt schnell auf, etwa 30 Sekunden lang raubt uns der Nebel komplett die Sicht. Etwas unheimlich wird uns zumute, die Gedanken oszillieren zwischen Werwölfen und schottischem Hochmoor. Wie in Watte eingepackt schweben wir nach oben. Plötzlich durchstoßen wir die Nebelsuppe. Die aufgehende Sonne taucht die Bergketten in ein zartes Rosa, schön wie ein Gemälde des englischen Alpenmalers Edward Compton. Tief unten im noch dunklen Tal sind die Lichter der Dörfer zu sehen. Der Blick wandert hinüber zum Wilden Kaiser. Direkt unter dem Ballon erkennt Bernd das gleichnamige Skigebiet. Raupen präparieren Pisten, Schneekanonen spucken Kunstschnee.

Pilot Norbert Schneider, Jahrgang 1965, ist gelernter Elektriker und Schiffsbauer. Doch eigentlich ist er das, was man in Bayern einen »wilden Hund« nennt. Mitte der 1980er-Jahre heuerte er in Alaska als Krabbenfischer an. Doch ohne Arbeitsvisum wurde er den US-Behörden schnell verdächtig. Er floh über die kanadische Grenze in den Yukon und fing an, auf dem berühmten Chilkoot Trail, dem Weg der Goldgräber früherer Zeiten, Trekkingtouren für deutsche Touristen anzubieten. Das war sein Sommergeschäft.

Im Winter veranstaltete er zu Hause in Deutschland Abenteuerprogramme für Ärzte und Apotheker. »Die wollten immer neue Herausforderungen, also organisierten wir auch Fahrten mit dem Heißluftballon.« Norbert gefiel das selbst so gut, dass er die Ballonlizenz erwarb. Irgendwann kaufte er sein erstes gebrauchtes »Riesenkondom« und gründete ein Luftfahrtunternehmen. Zuerst segelte er mit seinen Kunden nur am Alpenrand entlang, dann wagte er sich hinein ins Gebirge, wo das Landen in engen Tälern schon deutlich spannender ist. »Und irgendwann wollte ich dann von Nord nach Süd über alle Berge fahren.« Norbert überzeugte 1989 einen Freund von seinem Vorhaben. »Meines Wissens waren wir die Ersten, die mit Passagieren über die Alpen geflogen sind«, erzählt er. »Vogelwild war das: Über den Dolomiten hingen wider Erwarten dichte, hohe Wolken. Und ein Genua-Tief, das längst hätte abziehen sollen, behinderte die Sicht in Norditalien.« Detaillierte Wettermodelle, wie man sie heute im Internet selbst komponieren kann, habe es damals noch nicht gegeben. Auch GPS und Handy gehörten nicht zur Standardausrüstung.

Tempi passati. Norbert spricht jetzt per Funk mit Gustl, dem »Verfolger«. Mit Kleinbus und Anhänger hat er sich auf den Weg über den Brenner gemacht. Er soll rechtzeitig in Norditalien ankommen und uns nach der Landung zurück nach Deutschland fahren. Der Höhenmesser zeigt inzwischen 4.000 Meter an. Es wird Zeit, die Atemmasken über Nase und Mund zu stülpen. Aus ihnen strömt gereinigter, getrockneter Sauerstoff und verhindert, dass wir infolge des schnellen Aufstiegs akut höhenkrank werden, was zum Beispiel zu einer Ohnmacht führen kann, mindestens aber zu einem Brummschädel und Übelkeit. Konstantin ist trotz des O2-Dopings etwas flau im Magen. Die Höhe? Der Blick in die Tiefe? Die Kälte? Norbert steckt ihm Traubenzucker in den Mund und gibt ihm warmen Tee zu trinken. »Nicht zu viel«, warnt er. »Pinkeln wird in den nächsten Stunden eher schwierig.«

Tatsächlich sind wir überrascht, dass es auf der Reisehöhe von gut fünfeinhalb Kilometern, die wir jetzt erreicht haben, mit minus 15 bis 20 Grad gar nicht einmal so kalt ist. Das liegt zum einen an den warmen Fellschuhen, den Daunenjacken, Skihosen und Mützen. Vor allem aber daran, dass es hier keinen Windchill-Effekt gibt, der die Temperaturen nach unten zieht. »Wir fahren mit dem Wind, spüren ihn deshalb nur beim Auf- und Abstieg«, erklärt Norbert. »Andernfalls würden die Temperaturen in der Tat schnell unerträglich werden.«

Die Ruhe und Souveränität, die Norbert ausstrahlt, ist für uns Passagiere ein entscheidender Wohlfühlfaktor. Er lässt uns vergessen, dass wir über den höchsten Alpengipfeln schweben, nur umgeben von einem hüfthohen Weidenkorb, und allein der Wind die Richtung vorgibt. Bereits 1990, nur ein Jahr nach seiner ersten Überquerung, nahm Norbert bei seiner vierten Tour erstmals einen Gast mit. Inzwischen hat der Bayer die Ballon-Traverse mehr als 100-mal gemeistert. Unfallfrei. [...]

 

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