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SPUR IN DIE WÜSTE

Kaum einer hat das Reich aus Sand besser in Worte gefasst als der amerikanische Schriftsteller John Dos Passos. Schon vor 100 Jahren zog er mit Kamelen durch die faszinierende Ödnis. Und beschrieb eine Welt, die jeder auch heute noch so erleben kann...

Karawanen

Fotos: Brent Stirton

Was, sie haben noch nie eine Prärieauster gegessen?«, rief der Major. »Das holen wir sofort nach, gleich heute Abend!« Und so geschah es auch, und während wir unsere Prärieaustern verspeisten und einen letzten Schluck Scotch tranken, fielen irgendwo am Stadtrand Gewehrschüsse. Nachdem ich zu Bett gegangen war, konnte ich durch das Regenlispeln an Lehmmauern hin und wieder einen Schuss hören, der wie splitterndes Glas durch den Rhythmus des Regens fuhr. Morgen, inschallah, so Gott will, werden wir die Reise durch die Wüste nach Damaskus antreten.

Von Bagdad bis zum Wüstenhafen Kubaisa

Erster Tag. Kroch frühmorgens aus meinem Zelt und sah, dass alle anderen schon abgebaut waren und jedermann geschäftig und laut rufend umherlief. Das Dromedar, dem ich tags zuvor vorgestellt worden war und das auf den Namen Malek hörte, wartete bereits. Die Dattelpalmen von Ramadi standen knietief im Dunst, der sich in Erwartung des Sonnenaufgangs golden zu verfärben begann. Während ich nach dem silberverzierten Sattelknauf griff, kamen alle neugierig herbeigelaufen, um zu sehen, ob ich herunterfallen würde, wenn Malek sich schaukelnd erhob. Die Fußfessel wurde gelöst. Malek grunzte und klappte sich auf wie ein Taschenmesser. Mein Kopf ragte nun über den Dunst in das Sonnenlicht, das mir rot in die Augen stach. Dann folgten wir der langen Reihe von Lastkamelen, die rötliche Piste entlang, die in nordwestlicher Richtung nach Kubaisa führte. Kaum außer Reichweite des Serais von Ramadi, waren wir auf uns allein gestellt. Am Nachmittag ließ ich mich hinter den Hauptteil der Karawane zurückfallen. Wir kampierten an einem Ort namens Sheib Mohammedi in der Nähe einer Wasserstelle. Neben meinem Zelt werden die großen Ballen, die auf Jassem er-Rawwafs Kamelen transportiert werden, im Halbkreis um ein Feuer gestapelt, an dem die würdevollsten Leute der Karawane sitzen und Kaffee trinken. Alle anderen sitzen im Freien auf Teppichen um die Feuer. Die Kamele weiden auf den Hügeln an der Wasserstelle, zeichnen sich dunkel in eigentümlichen Silhouetten gegen den Himmel ab. Gelegentlich sieht man einen Wächter mit einem Gewehr über dem Rücken bewegungslos auf einem der gelbbraunen und stahlvioletten Hügel stehen, die sich wie ein Durcheinander von Meereswellen in alle Richtungen entfernen. Am einen Ende des Ovals war das Lager der Männer, die die jungen Kamele nach Syrien überführen, wo sie verkauft werden sollen. Blaue Rauchspiralen ziehen von den Lagerfeuern durch das amethystfarbene Dämmerlicht.

Kamele nähern sich in dichter Schar dem Lager, schnuppern die Luft, knabbern hier und da an Zweigen. Der Mollah singt das Abendgebet. Die Männer stehen barfuß in einer langen Reihe, das Gesicht nach Südwesten, und werfen sich wie im Gleichklang langsam zu Boden.

Dritter Tag. Nach mehreren Stunden Ritt sahen wir Palmen in einer flachen Senke und erreichten den Wüstenhafen Kubaisa, zusammengekauert in Lehmmauern zwischen Felswänden und Sandhügeln. Vor dem Stadttor spielten Kinder mit einer Gazelle. Malek, mein Kamel, hat lange Wimpern und buschige Augenbrauen, die es hochziehen kann. Aufbruch am frühen Morgen mit beträchtlichem Tamtam, die Sonne steht uns im Rücken, die Schatten sind unglaublich lang und enden in hellen Lichtkronen. Ritt gemeinsam mit dem dicken Scheich, der aus seinen Satteltaschen immer neue Hühnchenkeulen hervorholte. In eine Hochebene hinauf. Der Trampelpfad, über Jahrhunderte von Kamelfüßen ausgetreten, wand sich um rosafarbene, gelegentlich mit Trockenpflanzen gesprenkelte Felssimse. Einmal kamen wir an den üblichen Skeletten vorbei. Als wir unsere Kamele festbanden, stürzten drei Karnickel aus ihrer Deckung, großes Hallo, und jeder knallte munter darauflos. Ging nach dem Abendessen nach draußen. Ein Bedawi, den ich schon zuvor auf einem weißen Dromedar gesehen hatte, kam auf mich zu. Wir gingen in die Wüste hinaus, er schnupperte die Luft und sagte, die Wüstenluft sei süß. Sein Name war Nawwaf.

Seine Zelte sind in El Gharra, auf halber Strecke nach Damaskus. Ich brachte ihm die Wörter Norden, Süden, Osten und Westen bei, die er sofort perfekt aussprach. Meine Aussprache der arabischen Wörter war dagegen so komisch, dass er lachte, bis ihm die Tränen in die kajalumrandeten Augen traten. Wir tranken dann Kaffee bei den Leuten, die die jungen Kamele nach Syrien bringen. Der Hadschi, der alte Herr mit dem Regenschirm, saß am Lagerfeuer und ließ sich über irgendetwas aus. Bei der Rückkehr in mein Zelt fand ich Bagdad-Saleh und Jassems Jungen vor, die Zigaretten für mich drehten. Es gibt nichts Schöneres auf der Welt, als keine Uhr und kein Geld zu haben und für nichts verantwortlich zu sein. Wie ein Derwisch oder ein kleines Kind. Das Postflugzeug flog in großer Höhe über uns hinweg. Alle beobachteten es verächtlich und kommentarlos. Furchtbar kalt, Regenschauer klatschen uns ins Gesicht. Alles mehr oder weniger nass. Habe noch nie ein Tier gesehen, das sein Missfallen so deutlich zeigen kann wie Malek im Regen. Bei Sonnenuntergang wird sich, inschallah, auch der Wind legen. Sitze in kalter Pracht in meiner goldbestickten Abaya in meinem Herz- und Karozelt, das trotz des karminroten Futters auf ganz abscheuliche Weise den Wind hereinlässt.

Es gibt keine entspanntere, gemächlichere Form des Reisens. Das Kamel schaukelt gerade so sehr, dass man allmählich in eine leise Schläfrigkeit sinkt. Man treibt es gerade so sehr an, dass die Gedanken in einem leichten Dämmerzustand verharren. [...]

Den kompletten Artikel findest Du in der Ausgabe 2/14

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