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Segeln in Tschetschenien

Eine Segelregatta auf einem kaukasischen Bergsee in 2000 Meter Höhe.
Segeln auf dem Kesenoiam See in Tschetschenien auf knapp 2000 Meter Höhe. Ein paar internationale Crews nehmen an der Regatta teil, Profis und Amateure. Segeln im Gebirge! Und Tschetschenien – war da nicht was? Was für Typen trauen sich da hin?

TEXT: Maik Brandenburg / FOTOS: Dmitrij Leltschuk

Nachts erwache ich vom Artilleriefeuer. Von den Bergen blitzt es. Ich ziehe die Decke über den Kopf. Krachbumm, das ganze Zimmer dröhnt und vibriert. Wann kommt der erste Einschlag? Nein, so einfach werde ich nicht sterben. Wenigstens eine letzte Zigarette sollte es sein. Ich gehe vors Hotel. Dichter Nebel wabert. Krachbumm! Blitze zerstoßen das Grau, jetzt liegt die ferne Bergkette taghell vor mir. Ich atme tief durch – es ist nur ein Gewitter. Allerdings eines hoch im Kaukasus. Und die klingen stets, als ob das Orchester des Teufels zum Weltuntergang aufspielt. Zwischen den Schlägen ist es still, unwirk­lich still, die dicke Suppe schluckt jeden Ton. Warum nicht auch die Schritte möglicher Angreifer, der »Rebellen« aus den Bergen? Und da sind sie auch schon – zwei große Männer in Tarnuniformen. Bärtig und breitschultrig stehen sie plötzlich vor mir. Immerhin haben
sie ihre Waffen im Holster. »Was ist los?«, fragen sie auf Russisch. Die beiden gehören zum Sicherheitspersonal des Hotels. »Alles in Ordnung«, sage ich erleichtert und drücke die Zigarette aus.
Ja, es ist alles in Ordnung. Ich bin nur ein Opfer meiner eigenen Paranoia. Vielleicht liegt es am geringeren Sauerstoff in fast 2000 Meter Höhe. Vielleicht aber auch daran, dass wir mitten in Tschetschenien sind. Von hier waren noch nie gute Nachrichten zu hören.

Zwei furchtbare Kriege der Neuzeit haben es zerrissen, die Hauptstadt Grosny galt als eine der am schwersten zerstörten Städte der Welt. Grosny, deren Name übersetzt »die Furchtgebietende« heißt. Maro­dierende Banden, ehemalige Militärs, trieben ihr Unwesen. Isla­mistische Rebellen flohen in die Berge, von wo aus sie ihren eigenen kaukasischen Freistaat errichten wollen. Doch Tschetschenien ist weiterhin ein Teil Russlands, eine islamische Republik im Herzen der Weltmacht. Dennoch reichte über ein Jahrzehnt Frieden nicht, um die schrecklichen Nachrichten vergessen zu machen. Tschetschenien – das klingt noch immer wie ein europäisches Afghanistan. Das soll sich ändern. Darum hat das Tourismusministerium zum großen »inter­nationalen Event« geladen: zu einer Segelregatta auf dem Kesenoi. Damit ist der wunderschöne See im Kaukasus Austragungsort der »höchsten Regatta« Eurasiens.

Während des dreitägigen Wett­bewerbs wird ein Vertreter des russischen Guinnessbuchs eine entsprechende Urkunde überreichen. Außerdem gibt es ordentliche Preisgelder, insgesamt 16 000 Euro. Auch aus Deutschland ist eine Crew angereist. Jan, der in Moskau lebt, hatte davon im Internet ge­lesen. Weitere Crews kommen aus dem Ausland, aus Italien, Finnland, Tschechien. Sie international zu nennen wäre gleichwohl übertrieben. Es handelt sich im Wesentlichen um dort lebende russische Expats. Auch der Rest der rund einhundert Teilnehmer besteht vorwiegend aus Russen. Selbst die tschetschenische Mannschaft ist da keine Ausnahme, im Land steht man eher auf Reiterspiele, auf Judo, Boxen oder Mixed Martial Arts, an dem selbst Kinder teilnehmen dürfen.

»Hier segeln Olympioniken mit«, sagt Jan nervös. Auch »Meister des Sports« werden gesichtet, also hochdekorierte Cracks der russi­schen Sportszene. »Verdiente Künstler des Volkes« singen Lieder auf das Land und auf Ramsan Kadyrow, den autokratischen Herrscher Tschetscheniens. Dessen Bilder hängen überall, daneben die seines Vaters Achmat, der bei der Explosion einer Bombe getötet wurde. Und natürlich die von Putin. Kadyrow bezeichnet sich als Soldat des russischen Präsidenten. Das Land hängt am Tropf des Kremls, zum Dank hält Kadyrow das Pulverfass Tschetschenien trocken. Die Kieljollen werden gestellt, Schaschlik gibt’s zum Vorzugspreis. »Lasst uns ein paar tolle Rennen erleben und dann einen heben«, ruft der Vizepräsident des russischen Segelverbands Igor Schentsow. »Aber nur mit Kaffee und Tee«, ergänzt der Tourismusminister Tschetsche­ niens Muslim Baitasiew. Lena und Anuschka zucken zusammen. Kein Alkohol? Dafür sind sie nicht von St. Petersburg hierhergekommen. Die Mittzwanziger haben zwar noch nie in einem Segelboot gesessen, aber darum geht es ja auch gar nicht. »Wir wollen Party«, sagen sie. »Tschetschenien ist so abgedreht.«

Später steuern Lena und Anuschka ihr Boot in beeindruckenden Schlangenlinien über den See. Denn Alkohol gibt es sehr wohl, jedenfalls für die Russen. Die Kellnerinnen in Kopftuch und langen Kleidern absolvierten extra einen Kurs, der sie – natürlich nur per Etikett – den Unterschied zwischen Gin und Wodka lehrte. Zurück am Steg greifen sich Lena und Anuschka einen der alten Männer in der traditionellen Uniform der Tschetschenen­ Krieger und kraulen ihm kichernd den Bart. Der ehrwürdige Streiter lächelt gequält und versucht, den Blick nicht auf Lenas enge Shorts fallen zu lassen.
Aber es ist ja für den guten Zweck. Es geht um das Bild Tschetsche­ niens als eine von »den guten Werten« bestimmte Gesellschaft. So sagt es der Tourismusminister der Republik. Baitasiew ist ein 36­jähriger, eloquenter Mann von feinem Humor. Gerade sei er auf dem Dschihad, sagt er, auf dem ...

 


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