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RADIKAL

Hart, robust und selten bockig. Enduros sind Drahtesel, die alles schlucken. Eine Testfahrt in Chile.

Biken Enduros

Aufgezeichnet: Michael Schophaus | Fotos: Markus Greber

Es ist heiß, der Staub rieselt durchs Sonnenlicht, und die Erde trägt tiefe Wunden dieser verdammten Trockenheit. Seit Monaten gab es keinen Regen mehr. Wie immer, bevor der Winter kommt. Der Boden schreit nach Wasser und platzt an Stellen auf, an denen du es gerade nicht erwartet hast.

Du musst höllisch aufpassen, sie verlangen dir alles ab auf deinem Bock. Du springst über Steine und Spalten, schlingerst durch ein Meer aus Sand, fliegst und schrammst an scharfkantigen Felsen vorbei. Die Augen brennen, jeder Atemzug tut weh, und irgendwann spuckst du den Dreck wieder aus, der fast bis in den Rachen dringt. Oh Mann, Chile zeigt dir ganz schön die Zähne. Aber es schmeckt wunderbar nach Abenteuer.

>>Jeder Atemzug tut weh. Nur Staub! Oh Mann, Chile zeigt dir die Zähne, aber schmeckt so wunderbar nach Abenteuer!<<

Die Stollen unserer Räder graben sich in den Boden, kratzen in Schräglage durch die Kurven. Sie kennen kein Erbarmen mit dem verdorrten Land, wühlen sich durch knochentrockene Hänge und schlängeln sich furchtlos an den Stacheln der Kakteen vorbei. Über uns schwebt ein Kondor. Irgendwo dahinten glänzt der Schnee der Anden.

Wir rauschen weiter, treffen auf eine Gruppe von Männern, die sich müde auf den Pferden halten. Sie tippen freundlich an die Hüte, doch als wir näher kommen, prescht plötzlich ihre Ziegenherde auseinander. Ängstlich rast sie vor uns den steilen Pfad hinab, wieder wirbelt mächtig viel Staub auf, der auf uns herunterrieselt. Wir schütteln uns. Vor Schmutz und Lachen. Ziegen, die sich vor Drahteseln fürchten. Wie komisch. Aber im Gegensatz zu ihnen kommen wir auf unseren Enduros mühelos den Berg hinunter. Kanten. Wurzeln. Felsbrocken. Unsere Drahtesel schlucken einfach alles.

Drei Wochen wollen wir in Chile bleiben. Meine Freundin Ines Thoma und ich, Max Schumann. Wir sind zum Training um die halbe Welt geflogen, haben den Sommer über dem Äquator verpennt und sind nach sechzehn Stunden im Herbst von Südamerika gelandet; mit den Enduros und den Hoffnungen und den vielen großen Fragen für die nächste Zeit im Gepäck. Sie heißen: Was hält ein wilder Geländegaul aus, der sich Enduro nennt und mit seinem leichten Karbongerippe auf so ein schweres Geläuf trifft? Wie bissig sind seine Scheibenbremsen? Wie verträgt er dieses knüppelharte, holprige Land, das dich sofort aus der Bahn wirft, wenn du nicht richtig aufpasst? Reicht die Kraft der Federbeine aus, um diesen harten Brocken namens Chile wegzustecken? Wenn du dich in die Abfahrt stürzt und deinem Bock die Sporen gibst? Das Ganze hier ist schließlich wie ein Rodeo, du darfst dich nicht aus dem Sattel werfen lassen, sonst fressen dich deine eigenen Zweifel auf. Hier zählen nur echte Kerle. Oder Frauen wie Ines.

Sie ist die schnellste Fahrerin in Deutschland und will mit mir an einem Rennen in Chile teilnehmen. Ines gehört zum »Canyon Factory Enduro Team«. Kaum eine Crew ist weltweit so erfolgreich, in ein paar Tagen werden uns ihr Chef und zwei Mechaniker mit Hunderten von Kilos Ersatzmaterial, Werkzeug und Ausrüstung hinterherfliegen. Ich dagegen bin nur als Einzelkämpfer da und schon froh, dass mir mein Sponsor die Kosten für die teure Reise bezahlt; darf in der Weltelite einer Profiliga mitfahren, die es erst seit einem Jahr gibt und sechs Rennen auf mehreren Kontinenten austrägt. In Chile fährt fast jeder Enduro, der ein ernst zu nehmendes Rad unterm Hintern hat. Nirgendwo sonst kann man die Drahtesel sich so herrlich austoben lassen und dabei noch so ein starkes Stück Natur erleben wie in dem Land zwischen Anden und Pazifik.

Das findet auch Francisco, unser einheimischer Guide. Er zeigt uns zu Beginn unseres Trips die schönsten Wege, die wildesten Downhills und gewagtesten Rampen, an denen wir mit unseren dreizehn Kilo schweren Geschossen einen schönen Abflug machen können. Er weiß immer Bescheid, kennt die Gegend wie seinen Reparaturbeutel; nur wenn der Staub kommt, ist er oft genauso aufgeschmissen wie wir. Dann grinst er am Abend unter seiner langsam bröselnden Kriegsbemalung, wenn sich der vom Schweiß verklebte Dreck von dem Gesicht löst. »Ich liebe die Zeit, bevor der Schnee fällt«, sagt er und schaut heimatverknallt in den stahlblauen Himmel. Die Nacht senkt sich herab, bloß noch schlafen, morgen wollen wir mit dem Pick-up von Valparaíso zurück nach Santiago fahren. Die Teamkollegen kommen, danach gibt’s keine Ausreden mehr.

Am Morgen treffen wir Joe, Fabien und Ludo. Wir werfen unsere Enduros auf die Ladefläche des Geländewagens und werden heftig durchgeschüttelt auf dem Weg nach La Parva. Vierzig Kehren später erreichen wir den kleinen Skiort, er putzt sich gerade für den nächsten Winter heraus. Wieder werden wir daran erinnert, dass wir den Sommer mal so eben überflogen haben. Der Sessellift surrt leise und unaufdringlich durch das Tal, seine Drahtseile stoßen gespenstisch durch den Nebel und locken uns trotzdem auf den Berg. Wir packen die Räder auf die Sitze und lassen uns auf fast vier Kilometer Höhe ziehen. Weit hinten ragt aus einem weißen Meer von Gipfeln der 5.424 Meter hohe El Plomo heraus, den die Menschen vor Ort stolz ihren Hausberg nennen.

>>Du darfst dich beim Rodeo nicht aus dem Sattel werfen lassen, sonst fressen dich deine Zweifel auf!<<

Aber wir haben bloß noch Blicke für den schweren Trail, der vor uns liegt. Hart. Steil. Endgültig. Wie für Enduros gemacht. Ihr Rahmen ist steif und für jedes noch so harte Abenteuer gebaut. Sie sind ein sehr radikales Mittel, einen Berg mit dem Rad herunterzukommen; aber auch das schönste. Es geht los, der Schlund öffnet sich. Er ist mit Lavageröll gefüllt, das vor Ewigkeiten ein Vulkan ausspuckte. Jeder kleine Stein könnte uns jetzt zum Stürzen bringen, es dauert lange, bis wir genug Griff mit unseren dicken Reifen finden. Bei der geringsten Schräglage drohen die Reifen wegzuschmieren. Ich bremse, ach was, ich berühre nur ganz leicht den Hebel, und schon will der Bock ausbrechen. Ines benutzt ein Bild, das mich lächeln lässt. »Wie auf Kugellagern!«, ruft sie, pustet laut durch und konzentriert sich wieder auf die Strecke. Je tiefer es geht, desto mehr bekommen unsere Bikes wieder festen Boden unter die Räder. Chile hat es uns gezeigt. Aber wir haben uns auch ein wenig vom Reiz dieses zauberhaften Landes überrumpeln lassen. Dann wird es ernst. Das Rennen rückt näher. [...]

Den kompletten Artikel findest Du in der Ausgabe 2/14

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