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Piccolo Paradiso

Die größte Wildnis des Alpenbogens - wer hier wandern will, muss Essen, Schlafsack und Isomatte mitbringen, denn es gibt keine bewirtschafteten Hütten. Es ist ein Aufbruch ins Abenteuer – das Val Grande liegt zwar nur in Norditalien, aber man begegnet dort garantiert weniger Menschen als auf einem der bekannten Treks in Nepal

TEXT: Günter Kast, FOTOS: Simon Koy

Äste teilen Peitschenhiebe aus, verzieren Arme und Gesicht mit roten Striemen. Wo ist der Weg, den die schwarzen Punkte auf der Karte versprechen? »Zugewachsen«, ruft Tim. »Die Natur holt ihn sich zurück.« Der Trekkingführer nimmt den schweren Rucksack von den Schultern und greift zur Säge, die zu seiner Standardausrüstung gehört. Zehn Minuten später hat er einen grünen Tunnel freigelegt, durch den es mehr kriechend als aufrecht gehend und garniert von den Flüchen seiner »Schäfchen« weiter nach oben geht, den Zähnen eines scharfen Grats entgegen. Eine morsche Bank vor einem verfallenen Steinhaus erklärt Tim zum Pausenplatz. Man würde jetzt gern bei einer freundlichen Bedienung im Dirndl einen luftigen Kaiserschmarrn bestellen. Doch da ist niemand. Der mit Spinnweben überzogene Spaten, der in einer Ecke des ehemaligen Stalls lehnt, spricht nicht mit den Besuchern.

Bereits am ersten Tag im Val Grande wird klar: Der Nationalpark ist ein weißer Fleck auf der Landkarte, den man sich richtig erarbeiten muss. Da gibt es keine Wohlfühlhütten wie in Tirol, wo Duschen, Internetzugang, Rucksacktransport, Halbpension und rot- weiß karierte Bettdecken längst Standard sind. Stattdessen rollt man in den »Bivacchi«, den spartanischen Selbstverpfleger-Unterkünften, Schlafsack und Isomatte auf dem nackten Boden aus. Wer eine warme Mahlzeit will, muss das Essen selbst schleppen, Holz hacken und den Ofen anschüren. Dafür gibt es dann auch keine Menschenmassen wie auf dem Weitwanderer-Highway E5 zwischen München und Meran. Overtourism? Noch nie gehört.

Verantwortlich dafür ist zum einen die Geografie: Das Val Grande öffnet sich zwar zum mondänen Lago Maggiore hin, dessen nahe Ufer fest in Touristenhand sind. Doch eine gefährliche Schlucht versperrt den Zugang, das »Große Tal« ist nur über hohe Pässe zu erreichen. Trotzdem wurde es früh von Almbauern genutzt, von bitterer Armut in die Hochlagen getrieben. Im 13. Jahrhundert kam es auf der Alpe Campo di Sopra zum Showdown mit Mistgabeln und Äxten, als zwei Gemeinden um die Weiderechte stritten. Die abgeschnittenen und in Milchkesseln versenkten Köpfe der Gegner vergifteten jahrhundertelang das Klima. Erst 1987 versöhnten sich die ehemals besten Feinde und weihten oben an der Scharte eine Gedenktafel ein: Ab sofort auf ewige Freundschaft! 

Später war es das »grüne Gold«, das Glücksritter anlockte. Von hier aus wurde der Großraum Mailand mit Bau- und Brennholz versorgt. »Ende des 19. Jahrhunderts lebten fünfhundert Menschen in Pogallo«, erzählt Tim. »Es gab sogar Arzt, Schule und Polizeistation.« Arbeitgeber der »Boscaioli« war der Schweizer Carlo Sutermeister, der zum Abtransport der mächtigen Buchenstämme die ersten Seilbahnen bauen ließ, angetrieben von Elektromotoren, ehe das Holz in den Wildbächen abgeflößt wurde. »1954 waren die letzten Buchen gefällt«, sagt Tim. »Ganze Hänge waren kahl.«  

Das Val Grande wurde wirtschaftlich uninteressant, zumal es inzwischen billigeres Importholz gab. Die Menschen wanderten in die Städte ab, standen lieber bei Fiat in Turin am Band. 1969 wurde auch die letzte Alp aufgegeben. Das Tal verfiel in einen langen, tiefen Schlaf – just zu einer Zeit, als in den Nordalpen der Tourismus zu boomen begann. Das änderte sich zunächst auch nicht, als das Val Grande 1992 Nationalpark wurde. Besucherzentren wie in den US-Parks? Hilfsbereite, mehrsprachige Ranger mit Wandertipps? Souvenirshops und Campingplätze? Fehlanzeige! Cicogna, das einzige Dorf im Park, zählt sechzehn Einwohner.« 

 


Den kompletten Artikel findest Du in der Ausgabe 3/2020

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