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NIRGENDWO IN AFRIKA

Zwei Reporter, ein Paar, ein Motorrad. Sie hinten, er vorne. 32 Monate, 53.000 Kilometer durch Afrika. Wie hält man das aus, wenn die Maschine zur Beziehungskiste wird? Ein Bericht mit viel Zündstoff!

Eine Reise mit dem Motorrad zu den letzten Nomaden

Text: Rea La Greca und Günther Menn |  Fotos: Günther Menn


Reisen zu zweit erfordert Kompromisse, ist eine Herausforderung. Er fotografiert, sie filmt. Jeder Tag wird zur Bewährungsprobe, denn an gute Bilder zu gelangen erfordert Harmonie. Namibia, Südafrika, Botswana, Sambia, Tansania, Kenia: Um zu den letzten Nomaden Afrikas zu gelangen, reduzierten sie ihre Bedürfnisse aufs Notwendigste. Wurden selbst zu Nomaden. Fuhren zu den Himba, San, Hadza und Massai. Darüber zu schreiben fordert heraus. Vergessene Geschichten, verdrängte Gefühle, Ängste, Glück, Streit und Verzweiflung werden nochmals durchlebt. Im Januar wollen sie wieder los, weitere Länder Afrikas bereisen. Neugier ist stärker als Angst.


Die Himba von Namibia. Archaisches Spektakel. Leben auf 80 Zentimetern. Zerstörtes Ladegerät. Wir versinken im Mist.


SIE Trocken, felsig, steinig, rau – so knapp lässt sich eine der lebensfeindlichsten Regionen Afrikas beschreiben. Während wir Trockenflussbetten queren, der karge Nordwesten Namibias an mir vorüberzieht, flammt es immer wieder kurz in mir auf: Gerne wäre ich selbst gefahren. Jetzt bin ich Sozia, eingeklemmt zwischen Fahrer und Gepäck, genieße dafür den ungestörten Blick in die Landschaft. Die Rechnung pragmatisch: zwei Motorräder = doppelte Kosten! Für mich kein einfacher Kompromiss. In etwa so schwierig wie die Piste, die uns nun zu den Himba ins Kaokoveld führt, die hier wie vor Hunderten von Jahren als Rindernomaden leben. Zumindest fast, denn heute trifft Hightech auf Steinzeit, Handys auf heiliges Feuer und Ahnenkult. Sie partizipieren an und profitieren von der modernen Welt, den Touristen, benötigen diese jedoch nicht für ihre Existenz. Opuwo, einzige Stadt in der Region, ist für uns ebenso Anlaufstelle wie für die Himba, die hier den säuerlichen Geschmack der Omahere, ihrer vergorenen Milch, eintauschen gegen Black-Label-Bier und Coke. Wir finden einen Dolmetscher, erhalten über ihn Zugang zu den Himba-Clans. Ein Chief der Region ist verstorben, wir werden zu seiner Beerdigung eingeladen.


ER Überwältigend das archaische Spektakel, Szenen weinender Frauen und tanzender Kämpfer, ihre Klagelaute gen Himmel brüllend. Rinder werden geschlachtet, aufgewirbelter Staub vermengt sich mit dem Geruch ihres warmen Bluts in der Luft. Um uns etwa 500 trauernde Himba und mittendrin wir. Sofort will ich eintauchen. Ich bin nervös, denn Rea, die ihr Filmequipment vorbereitet, ist umringt und wird skeptisch beobachtet. Unmöglich, ohne sie loszugehen. Zu unübersichtlich ist das Geschehen, nicht einzuschätzen, wie die Menge auf unsere Kameras reagiert. »Avanti! Auf geht’s!«


Fotografie ist der perfekte Moment, verdichtet auf Sekundenbruchteile eines Augenblicks. Situationen erahnen, im richtigen Moment auslösen fordert ein Höchstmaß an Konzentration. Parallel zu arbeiten ist ein Dilemma. Immer wieder geraten wir aneinander. Unbeabsichtigt laufe ich durch Reas Aufnahmen. Das Klicken meiner Kamera stört die Tonaufnahmen. Mich quälen Bilder, eingebrannt auf meiner Netzhaut, verpasst aus Rücksichtnahme. Trotzdem pushen wir uns gegenseitig, halten uns den Rücken frei. Fünf Tage trete ich durch Kuhmist. Mit meinem Schweiß klebt er die Hose an die Beine, die Hände an die Kameras, die Lippen zusammen. Selbst unser Zelt bietet keinen Schutz. Die Reißverschlüsse versagen, wir versinken langsam im Mist.


SIE Fünf Tage zwischen Kuhdung und Rindern, wenig Schlaf und noch weniger Essen rächen sich mit Fieber und heftigem Durchfall. Fatal auch der Versuch, meine Akkus im Nirgendwo an einer Autobatterie zu laden. Der Wagenbesitzer startet unvermutet den Motor, ruiniert dabei das Ladegerät. Egal, meine entstandenen Aufnahmen sind die Strapazen allemal wert. Günther drängt zur Eile: »Avanti, avanti!« In Opuwo dokumentieren wir das Stadtleben der Nomaden, dann das Alltagsleben mit Rindern und Ziegen im Kral. »Avanti«, Günthers Ungeduld bringt kurz mein Blut in Wallung. Tief durchatmen, mein Gegenüber nichts merken lassen. Ich sitze im Gespräch mit einer Himba. Dem Fotografen geht es zu langsam, seine Bilder laufen weg. Er vergisst, wie wichtig diese Gespräche sind. Sie bilden Vertrauen, ermöglichen unsere Arbeit. John, unser Dolmetscher, krümmt sich vor Lachen, steckt uns damit an, nachdem er übersetzt hat. Die Himba hatte mich mit »Avanti« angesprochen, sie dachte, es sei mein Vorname.
Der heilige Berg der Buschleute. Heftiger Regen in Botswana. Die Tswana-Hunde. GPS in N’gamiland, Krämpfe im Sand.


SIE Der heftigste Regen seit 120 Jahren, wie die Zeitungen schreiben, überschwemmt seit Wochen das südliche Afrika. Verwandelt in Botswana Pisten in Seen und meine Schuhe in kleine Aquarien. Nachts am Tsodilo Mountain, dem heiligen Berg der Buschleute, droht unser Zelt zu fluten. Wir flüchten und verbringen die restlichen Stunden in der klammen Toilette des Camps. Wir wollen über die Buschleute berichten. »Tswana-Hunde« werden sie hier abfällig genannt. Längst nicht mehr Jäger und Sammler, vegetieren sie in Siedlungen, abgeschieden von urbanem Leben, fern jeglicher Verbindungsstraßen. Für uns fast unmöglich, sie dort mit dem Motorrad aufzusuchen. Die Regierung geht gegen jeden vor, der über die Situation der Buschleute und den Landraub an ihnen berichtet. Wir riskieren Landesverbot oder schlimmer: Gefängnis.


ER Das GPS führt uns mitten ins N’gamiland, auf der Landkarte nur ein weißer Fleck, menschenleer. Wir wollen nach Xai-Xai, das Elend der Buschleute dokumentieren. Xade, einst ihre größte Siedlung, aus der sie deportiert wurden, ist wegen zu hoher Polizeipräsenz für uns tabu. 140 Kilometer Piste will ich an einem Tag fahren. Ignoriere Reas Bedenken und die Warnungen Einheimischer, die versandete Piste sei für ein derart beladenes Motorrad kaum zu befahren. Die ersten 60 Kilometer waren, bis auf einige tiefe Wasserlöcher, okay, dann wurde die Spur schmal, der Sand tief. Dornenbüsche wuchern in die Piste, schleudern uns aus der Bahn. Stürzen, aufheben, die BMW mit der Machete frei hacken, weiter. Unter unserem Gewicht fährt sich das Motorrad im 100-Meter-Takt fest. Rea muss absteigen, das Hinterrad freigraben, anschieben, hinterherlaufen, immer wieder. Jetzt wünsche ich mir Regen, er würde den Sand härter machen. Schwülheiße 45 Grad machen das Atmen schwer. Komme weder vor noch zurück. Rufe nach Rea, wo bleibt sie? Brauche ihre Hilfe, 370 Kilogramm sind einfach zu schwer. Meine Zunge klebt am Gaumen. Ich trinke dennoch nicht, um Wasser zu sparen, will nur noch ausruhen. Im Liegen beginnen die Krämpfe. Erst Füße, Waden, Oberschenkel, dann Hände und Finger. Unerträglich der Schmerz, der mich lähmt. Wie kommen wir hier weg? Rea kann die schwere Maschine nicht fahren, schießt mir durch den Kopf... [...]

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