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NICHT VON DIESER WELT

Die Waldkarpaten im äußersten Südosten Polens gehören zu den am dünnsten besiedelten Gebieten Europas. Sie sind die Heimat von Wölfen, Braunbären – und angeblich auch von rund 200 Einsiedlern

Polnische Waldkarpaten, Europas letzte Einsiedler

TEXT: LJUBA NAMINOVA / FOTOS: AGATA SZYMANSKA-MEDINA
Der König ist nackt. Seine knochigen Finger um­ krallen einen knorpeligen Stab, seine Haare wehen im Wind. Der weiße Bart umspielt die Brust. Re­gungslos steht der König der Waldkarpaten am Ufer des Solina­ Stausees und starrt uns an.

Es ist kurz vor Mitternacht, und die Fotografin und ich schei­nen am Ziel unserer Reise zu sein. 1500 Kilometer waren wir bis in den östlichsten Zipfel Polens gefahren, zuletzt vier Stunden mit dem Tretboot über den See. Alles, um nach einer Legende zu suchen. 200 Einsiedler sollen in den Waldkarpaten hausen und einen richtigen König haben. »Will­kommen in meinem Reich«, sagt Juliusz I. zur Begrüßung – und kichert.


Ein Fernsehbeitrag hatte mich neugierig gemacht. Unberührte Wälder, Bären und Wölfe, dazwischen Aussteiger, die frei von Zwängen der Gesellschaft leben. Mythen und Legenden ranken sich um diese Region, die an die Slowakei und die Ukraine grenzt. Je näher wir dem Städtchen Polańczyk kommen, desto grüner wird das Land. Buchen und Fichten drängen sich an den Berghän­gen. Die Kammlagen sind oft kahl wie die Köpfe alter Männer. Es ist schon später Abend, als wir das 800­ Einwohner­ Städtchen erreichen. In der Nähe sollen die Zakapiory, die Einsiedler, leben.


Aus den Kneipen dröhnt polnische Discomusik. Touristen grölen mit, liegen sich in den Armen, ein Glas Wodka oder Bier in der Hand. Die Restaurants tragen Namen wie »Der kleine Einsiedler« oder »Die Einsiedler­ Herberge«. Drinnen hängen Port­räts der Zakapiory an den Wänden. Sie zeigen bär­tige, vom Leben gezeichnete Männer mit Cowboy­ hüten. Doch heute scheint keiner da zu sein. Im »Kleinen Einsiedler« lernen wir Jano kennen. Er erzählt, dass nicht alle Einsiedler abgeschieden im Wald wohnen. »Viele leben in umliegenden Dörfern und haben Autos.« Jano selbst bewohnt ein Zimmer in einer Villa mit Seeblick. »Ein Geschäftsmann hat mich aufgenommen, Miete zahle ich nicht.« Er kenne jeden von den Zakapiory, behauptet er.


Am nächsten Morgen scheint die Sonne über Polańczyk, der Solina­ See glitzert bis zum Horizont. Unsere Wirtin Gabriela sagt in einem geheimnis­vollen Tonfall: »Es gibt sie noch, die Zakapiory, aber dafür müsst ihr nach Cisna fahren. Sie treffen sich dort abends in der Dorfkneipe.«


Die Bar »Siekierezada« ist der Mittelpunkt des 400­ Einwohner­ Örtchens Cisna und in ganz Polen bekannt. Mit dem Bier wird Touristen ein Mythos serviert. Die Theke ist vollgestellt mit Holzskulp­turen, aus den Lautsprechern tönt Metallica. Doch wieder sitzen nur Touristen am Tresen. »Die meisten Zakapiory sind lange tot. Haben sich zu Tode gesof­fen«, erzählt der Wirt. »Meine Bar ist ein Wallfahrts­ort und soll an sie erinnern.« Einigen von ihnen widmete er Barhocker mit Namensschild. »Jan, der Affe«, »Papa Schlumpf« oder »Piotr, der Franzose«. (...)


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