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MIT DEM RENNER ÜBERN BRENNER

Es ist wohl diese ewig deutsche Sehnsucht nach dem Süden, die uns immer wieder nach Italien lockt. Aber geht so was auch mit einem fast vierzig Jahre alten Rennrad aus Stahl? Vom Ritt über die Alpen in nur 48 Stunden – hin und zurück!

Alpenüberquerung mit dem Rennrad

Text: Stefan Ruzas | Fotos: Peter Neusser


Um am Wochenende auf der anderen Seite der Alpen mal eben eine richtig gute Pizza zu essen, empfiehlt sich vorab ein Halt im Hinterhof der Tegernseer Landstraße 22 in München. Nur so als Beispiel. Dort nämlich befindet sich die Werkstatt eines überaus kräftigen und fröhlichen Ungarn, der sich am liebsten Olafur Druxs nennt. Obwohl er doch eigentlich ganz anders heißt.


Über dem Schaufenster des nur wenige Quadratmeter großen Schuppens steht in schlicht aus der Zeit gefallenen Lettern »Druxs Stahlrennrad«, darunter dann ordentlich selbstbewusst »offizieller Restaurator«. Druxs, ein ehemaliger Profifahrer, restauriert klassische Rennräder mit Stahlrahmen längst vergangener Jahrzehnte. Sie tragen klangvolle Namen wie Cinelli, Colnago, Gios oder Gianni Motta. Gemeinsam mit seiner Partnerin Carina verkauft er die guten Stücke auch – oder deren Ersatzteile. Und nebenbei betreiben sie einen Club für Straßenradrennen und verleihen einige ihrer Vintage-Räder. Eins ist fast vierzig Jahre alt. Hellblau metallic, Pedalhaken mit Fußkorb und, wie sich das früher eben so gehörte, die Hebel der Campagnolo-Schaltung am unteren Rohr des Rahmens. Der Hersteller und Namensgeber des Prachtstücks, Ermanno Moser, kommt aus der Region Trentino-Südtirol.


Warum also nicht einfach mal mit solch einem nostalgischen Vehikel dahin fahren, wo es herkommt: von Deutschland nach Italien, über den Alpenhauptkamm, den Brenner, dieses Sehnsuchtstor zur Sonne. Und natürlich wieder zurück. Samt einer gehörigen Portion Pizza und Bier am Wendepunkt. In zwei Tagen, nicht mehr. Aber geht so was überhaupt, an nur einem Wochenende, jenseits einer viel befahrenen Autobahn? Ist es ein Abenteuer für Kerle oder einfach nur – Schwachsinn? Wichtig ist: Mut zur Lücke, zum Weglassen. Ein leicht gepackter Rucksack muss reichen, und diese grellbunten Trikots und Hosen für funktionstüchtige Radfahrer passen sowieso nicht zu eine Stahlrenner. Besser ist da schon Wollenes. An den Füßen genügen Sportschuhe für Stadtmenschen.


Die ohnehin fade Anfahrt im flachen Inntal kann ich bis Innsbruck frühmorgens prima mit dem Zug abkürzen. Radmitnahme inklusive. Vom Bahnhof der Tiroler Landeshauptstadt geht’s erst mal unter der Autobahn durch. Raus aus der Stadt, über eine kleine Landstraße Richtung Aldrans und Lans. Und dann 40,6 lange Kilometer und immerhin 1.378 zu überwindende Höhenmeter fast nur noch bergauf, bis zum gelobten Brennerpass und zur Grenze zwischen Österreich und Italien. Wobei das mein Wunsch ist, mein Ziel, eine Idee. Mehr nicht. Weil das Wetter natürlich ganz anders ist als gedacht und vorhergesagt, mit Wolken und äußerst reduziertem Bergblick, ab und zu leichtem Nieselregen und ständig fiesem Gegenwind. Bergwetter halt.


Zugegeben, die ersten Kilometer sind nicht weniger als die Hölle. Nichts, aber auch gar nichts passt zusammen: Mein Puls rast, das Rennrad schleicht, die überholenden Autos nerven, der Atem geht flach, und zweimal verschalte ich mich mit den Hebeln am Rahmen derart temperamentvoll, dass ich das Hinterrad ausbauen muss, um der Kette die Spannung zu nehmen und überhaupt weiterfahren zu können.


Ja, eine Überquerung der Alpen dauert. Es dauert, einen Rhythmus zu finden, um sie überqueren zu können. Wobei man stets mit Unterbrechungen rechnen sollte. Gleich hinter Patsch zum Beispiel, auf dem Parkplatz des HotelRestaurants Grünwalderhof. Da steht Ahmed aus Dubai und belädt seinen Mietwagen, um in die Schweiz weiterzufahren, nach Interlaken, um genau zu sein. Mit seinem »Thawb« genannten Gewand, der gewickelten Kopfbedeckung und dem Vollbart ist er eine imposante Erscheinung. Ein höflicher und gut gelaunter Araber, der zum ersten Mal in seinem Leben in Europa ist und gar nicht aufhören will, sich über Wolken, Wind und Nieselregen zu freuen. Hinter Patsch habe ich das erste Mal richtigen Blickkontakt mit der A 13, die auf die Schnelle über den Brennerpass führt. Es ist tatsächlich eine der ersten Gebirgsautobahnen der Welt, deren italienischer Abschnitt schlicht »Autobrennero« heißt. Erst am 5. April 1971 wurde sie in Betrieb genommen, für all die Wirtschaftswunder-Wagen. Und immerhin ein Drittel von ihr verläuft auf Brücken. Eine davon, die Europabrücke, ist mit 190 Metern bis heute die vierthöchste Europas.


Wie ein Monster frisst sich diese Autobahn durch das weite Wipptal. Auf ihr will man einfach nur zügig weiter. Unter ihr, in den Dörfern, auf den Bauernhöfen, Feldern und Wiesen, wirkt aber plötzlich alles ganz langsam und fern von allem. Ob hier das Wort »Hassliebe« entstanden ist? Die Blechlawine da oben ist jedenfalls immer da, irgendwie. Mal dröhnend wie ein Gewitter, dann wieder einfach nur metallisch scheppernd oder pfeifend wie starker Wind oder auch klappernd wie der Relingdraht eines Schiffs. (…)


Das komplette (B)Renner-Abenteuer findest du in der Ausgabe 02/16

 

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