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KNACKIG KALT

Es ist ein Kraftakt der Natur, bis der tiefste Süßwassersee der Welt zugefroren ist. Wer ihn dann drei Tage lang mit dem Schlitten überquert, wird mehr als nur aufs Glatteis geführt...

Mit dem Schlitten über den Baikalsee

Text: Michael Schophaus | Fotos: Tinka & Frank Dietz

Wir sägen Käse. Steif liegt er vor uns, hart wie Stein. Andrey bricht kleine gelbe Brocken ab, spießt sie aufs Messer und hält sie uns hin. Draußen zerrt ein wütender Sturm am Zelt.
Schnee dampft im Topf auf dem Kocher, sackt über der Hitze in sich zusammen. Wir kauen, schweigen, blasen Atem gegen die starren Finger. Das Tuch flattert, peitscht gegen die Stangen, um uns herum tobt der Wahnsinn. Acht Windstärken, zwanzig Grad minus, mindestens.

Andrey schüttet kochendes Wasser in die Tassen, mischt es zu einer Brühe aus Zucker und Tee. Er zittert, kleckert, verbrüht uns fast die Hände. Ich denke nur, wie wunderbar sich Hitze anfühlt. Sie brennt, aber in dieser Tiefkühltruhe tut der Schmerz gut. Legt sich wie ein warmer Schleier über den Arm.
Der Tee taut uns auf, gibt wieder Leben frei. Ein Schluck, und du denkst, die Sonne scheint dir auf die Gedärme. Wir reden über den Tag, die ersten 22 Kilometer auf dem Baikalsee. Beim Sprechen qualmen die Münder, wieder kriecht Kälte heran. Wie eine Krake, die dich verschlingen will. Wir wickeln die Schlafsäcke um unsere Körper. Sie stinken nach Feuchtigkeit. Verdammt. Und es ist noch nicht mal Nacht.

 Vom Ziehen des Schlittens zucken beißende Blitze durch den Rücken. Ich sitze gekrümmt. Andrey singt leise, zart, ein russisches Kinderlied, das fröhlich klingt. Er wirkt stark, wie aus einem Baum geschnitzt. Summt mit einer Heiterkeit, die fast traurig macht. Was für ein Kerl. Sicher weiß er gar nicht, was ein Rücken ist.
Wenn er Wodka trinkt, gießt er den ersten Schluck über dem Eis aus. Für Gott, sagt er.
Mit dem Rest des Wassers löst er einen Klumpen Nudeln auf. Eine trostlose, nasse Pampe. Doch nach acht Stunden in der Wüste schmeckt dir alles. Frank, der Fotograf, ist Vegetarier. Angewidert beißt er in eine Wurst aus Stahl. Weit draußen auf dem See kann man sich keine Grundsätze erlauben. Schmeckt, sagt er, und lächelt gequält. Er kann schlecht lügen.
Zum Nachtisch gibt es zähe Feigen, Haferschleim, der auf dem Löffel klebt. Vom Dampf des brodelnden Wassers bildet sich Raureif im Zeltdach. Kristalle regnen auf uns herunter. »Ich liebe Kälte«, sagt Andrey, »sie säubert das Hirn wie Wodka die Zunge.« Er hebt seine Stimme, niemals möchte er woanders als in Sibirien leben. Auch nicht im Winter.

Vor einer Stunde haben wir das Zelt aufgestellt. Gerade noch rechtzeitig, bevor uns der Himmel den Teufel schickte. Dicke, düstere Wolken. Sie hingen tief, drohten uns an den Kopf zu stoßen. Die Welt heulte wie ein Rudel hungriger Wölfe. Es wurde höchste Zeit, ihr aus dem Weg zu gehen.
Wir nahmen das Bündel Stoff vom Schlitten, schraubten Heringe in die kalte Haut des Baikalsees. Bis sie ein wenig aufplatzte und sich in feinen Rissen verästelte. Es sah aus wie Blutbahnen, die das Herz suchten. Frank legte sich begeistert auf den Bauch. Das Licht stand gut, der Auslöser ratterte. Irgendwo knackte es verdächtig, wie so oft. Nur rein ins Zelt, dachten wir, als der Wind noch lauter zu brüllen begann. Nur rein. Auf Wärme hoffen, auf die Nacht warten.

Dann kommt der Zug. Gerade als wir Schlaf brauchen, uns auf dem Boden aus Beton wälzen. Die Isomatte ist ein schlechter Witz. Der Zug kommt plötzlich, wie aus dem Nichts, rollt von Weitem heran. Dumpf, grollend. Irgendwo, da ganz weit unten. Andrey hatte uns vor ihm gewarnt.
Wir hören ihn deutlich, erst nur von fern. Mit jeder Sekunde wird er lauter, während wir mit einem Ohr ganz nah am Eis liegen. Eine achtzig Zentimeter dicke Schicht trennt uns vom grässlichen Bollern. Hier ist der See über 1600 Meter tief. Was gäbe ich jetzt für einen Schiffsrumpf.

Der Zug rast heran. Wie eine Kugel, die sich beim Kegeln über die Bahn schiebt. Es donnert, unheimlich, das Ungetüm brüllt auf, zwei Waggons stoßen ungebremst zusammen. Das Eis stöhnt, als hätte es sich Wunden geschlagen. Ich starre ins Schwarze des Zelts. Warte darauf, dass sich der See öffnet und mich in seinen Schlund zieht. Zwischendurch ist es still. Selbst der Sturm fürchtet sich! [...]

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