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HOTEL UTOPIA

Das Haus steht an einem stinkenden Strand in Ghana. Ein Engländer kaufte es, weil er von einem Refugium der Freiheit träumte. Aber er hat die Rechnung ohne Afrika gemacht

Das Haus der Traumtänzer

Text: Dirk Liesemer  |  Fotos: Nana Kofi Acquah

Seit Wochen steht Jeff nachts auf. Er ist Amerikaner, er hasst die Hitze des Tages. Jeff wartet auf eine SMS und will die Zeit, bis sie ihn erreicht, lieber in der Kühle der Nacht überstehen. Sobald die Nachricht kommt, wird er seine Sachen packen und abhauen. Er lehnt sich ans Geländer am Steilhang, nippt am Whisky. Mond, Sterne, Wellen, Brandung. »Ich liebe die Atmosphäre«, sagt er in die Dunkelheit. »Und es ist billig hier.« Verfluchte SMS. Der Reptilienfänger meldet sich nicht. Vielleicht hat er den Deal längst mit den Chinesen gemacht.

Ein Schriftzug prangt über einem Bambuszaun: »Hotel Rising Phoenix«. So verloren, als wäre dies der letzte Außen-posten von Accra, Ghana, Westafrika. Eine Unterkunft auf dem Grenzland zum Meer. Dahinter dehnt sich bis zum Horizont der Golf von Guinea. Sollte das Hotel Rising Phoenix jemals gute Tage gehabt haben, ist das eine Weile her. Es ist dennoch ein besonderer Ort, anders als alle anderen hier im stinkenden Accra. Das Haus wendet sich nicht der Stadt zu, sondern dem Meer. Dem Rauschen, der Weite, der Ewigkeit. Bei Flut nagen die Wellen an den Klippen. Niemand weiß, wie lange der felsige Vorsprung hält, auf dem die Zimmer gebaut sind. Eines Tages wird das Meer sie fortreißen. Noch aber lehnen sich die Reisenden ans Geländer. Morgens sehen sie die Fischer, die mit Langbooten in den diesigen Glast paddeln. Abends übertrumpfen sie sich mit Storys, die mal nach Beichte, mal nach Angeberei klingen.

Das Rising Phoenix ist vorübergehend ihr Hafen. Hier trifft sich, wer es anderswo auf der Welt nicht aushält. Leute wie Jeff, Tariq, Thompson, Alloone Kay und wie sie alle heißen. Jeff war schon mehr als zwanzig Mal in Ghana. »Benin, Togo«, sagt er, »scheiß drauf.« Schlechte Erfahrungen, schlechte Geschäfte, schlechte Straßen. Das Phoenix hat er entdeckt, als alle anderen Hotels in Accra voll waren. Seither kommt er regelmäßig. Er gleitet mit dem Zeigefinger über sein Handy. Fotos leuchten auf dem Display: Spinnen, Vögel, Frösche, Ameisenbären, Schlangen. Er gehe einen Deal erst ein, sagt er, wenn die Tiere geschlüpft seien. Per Schiff lässt er sie in die USA bringen. »Für eine Schlange mit fünf genetischen Eigenheiten kannst du gut 3000 Dollar verlangen«, sagt Jeff. Er wischt durch das Album, es wird immer teurer. Jeff steht am Geländer, ein warmer Wind. Er kann die ganze Nacht erzählen.
Der Weg zum Hotel führt durch ein Getto mit Holzverschlägen und Garküchen. Menschen sitzen auf dem Boden. Ein paar Meter weiter eine Mauer, dahinter eine Kirche mit Wellblechdach, in der ein Pfarrer ins Mikrofon bellt, ekstatisch wie ein Teufelsaustreiber [...]

 

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