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HISTORISCHES BERGSTEIGEN

Low Tech
In Ausrüstung und Kleidung der 1930er Jahre auf einen vergletscherten Dreitausender in den Schweizer Alpen steigen – wie fühlt sich das an? Eine internationale Gruppe von Vintage-Fans hat es am Wildhorn im Berner Oberland ausprobiert.

TEXT: Günter Kast / Foto: Peter Neusser


Bruno Aklil ­Poggi trommelt seine Leute auf der Terrasse der 2303 Meter hoch gelegenen Wildhornhütte zusammen. Es ist früh im Jahr, das Schutzhaus noch nicht bewirtschaftet, nur der Raum für Selbstversorger zugänglich. Nach dem strengen Winter abgemagerte Murmeltiere suchen dort, wo der Schnee bereits geschmolzen ist, nach frischem Grün. Die Felswände rechts und links sind von dicken Wolken eingehüllt, wirken düster und bedrohlich. Dazu weht ein unangenehmer, kalter Wind. Etwas widerwillig bewegen sich alle nach draußen. So wie Bruno, der im »richtigen« Leben in Lausanne als Vertriebsmanager arbeitet, tragen sie Kleider aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg.

Der gut aussehende 33­Jährige hat schon öfter solche Vintage­ Touren in den Alpen organisiert. Deshalb wird er, der natürliche Chef, gleich demonstrieren, wie man Ausrüstung von anno dazumal richtig ein­setzt, um morgen den vergletscherten Gipfel des 3248 Meter hohen Wildhorns zu erreichen.
Moderner Klettergurt mit Beinschlaufen und Sicherheitsver­schluss? Fehlanzeige!

»Das Seil um den Oberkörper schlingen«, ruft Bruno, »so wie ich verknoten und dann den Karabiner einhängen.« Der ist nicht aus leichtem Alu, sondern aus schwerem Stahl, wie es damals üblich war. Kompromisse macht die achtköpfige Gruppe nur beim Seil selbst: Der Strick ist aus Poly­Hanf. »Eine Kunstfaser, aber mit identischer Optik und Haptik wie Hanf«, erklärt Bruno. »Und identischen Eigenschaften«, ergänzt Moritz Kickhöfen, zusammen mit seinem Bruder Johannes der deutsche Vertreter der Old­Schooler. Soll heißen: Das Seil darf möglichst nie den nassen Schnee berühren, denn ohne Imprägnierung wird es schwer wie ein Sack Kartoffeln. Außerdem ist es statisch, dehnt sich nicht wie heutige Nylonseile. Bei einem Sturz in eine Gletscherspalte wird man abrupt abgebremst. »Rippenbrüche und Quetschungen der inneren Organe waren des­halb früher häufige Verletzungen«, sagt Moritz, von Beruf passender­ weise Krankenpfleger. »Wir nehmen dieses Risiko bewusst in Kauf. Wir wollen die Touren der alpinen Pioniere und ihre Emotionen nacherleben. Dazu gehören Kälte und Entbehrungen, auch mal Schmerzen. Vom Sofa aus und vor dem Fernseher lassen sich die Taten der Erstbesteiger nicht wirklich begreifen. Dazu muss man raus aus der Komfortzone, sich selbst in der Montur von damals an den Berg wagen.«


Für Moritz und seinen Bruder sind die 30er­Jahre mehr als ein Hobby. Die beiden leben diese Zeit regelrecht, tragen auch im Alltag weite Bundfaltenhosen und karierte Baumwollhemden, frisieren die Haare mit Pomade nach hinten, lassen sich für die Zeit typische Schnauzbärte wachsen, suchen auf Flohmärkten nach Originalmö­beln und ­Schallplatten. Moritz hat seine Freundin Nicole Jenni, die morgen zum ersten Mal und noch dazu im Vintage­ Outfit auf einen Dreitausender kraxeln will, – natürlich – bei einem Oldtimer­ und Rockabilly­ Festival in den Schweizer Bergen gleich hier um die Ecke kennengelernt. Er forderte die Bernerin, von Beruf Restauratorin, zum Tanz auf. Doch hinterher lief sie weg, ihr wurde die Sache zu heiß. Dann half doch die digitale Welt: Er machte sie auf Facebook ausfindig, bald waren sie ein Paar. Die beiden wollen jetzt, nach den Exerzitien mit dem Seil, noch das Anlegen der Steigeisen üben, damit es morgen früh in stockfinsterer Nacht auch klappt. Wie die Exponate in einem Heimatmuseum sieht das aus: Moritz’ Eispickel mit dem ...

 


Den kompletten Artikel findest Du in der Ausgabe 1/2020

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