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GROSSE FREIHEIT IM KLEINEN BOOT

Ein paar Tage mit dem Seekajak durch die Inselwelt der Nordsee paddeln sind perfekt, um endlich mal wieder den Kopf freizukriegen. Die Taktgeber: Wind, Wellen und der Mond als Dirigent der Gezeiten...

Mit dem Seekajak durch Nordfriesland

Text: Philip Baues | Fotos: Jozef Kubica

Man hatte mich gewarnt: Die Nordsee sei ein tückisches Gewässer – oft würden die Gezeiten unterschätzt, meist wäre das Wetter mies und die Bedingungen rau, immer könne ein Fehler schnell ernste Konsequenzen haben. Jetzt stehe ich am Hafen von Neuharlingersiel und schaue hinüber nach Spiekeroog. Die sieben Kilometer lange Passage liegt spiegelglatt da, nicht mal ein Lüftchen kräuselt die Wasseroberfläche; am Himmel ist kaum eine Wolke zu sehen. Und darüber machen diese Seekajaker so ein Theater? Insgeheim ahne ich, dass ich wohl eher unverschämtes Glück habe bei meiner Nordsee-Jungfernfahrt. Denn obwohl ich mich als Wildwasserpaddler in Süddeutschland in Wellen, Walzen und Stromschnellen zu Hause fühle, war ich vor dieser Tour ziemlich nervös. Was erwartet mich da oben?

Ich bin froh, dass Lars Everding zum Team gehört. Er ist Kanulehrer beim Deutschen Kanu-Verband und kennt die Ostfriesischen Inseln in- und auswendig. Die erste Lektion erteilt er mir gleich nach der Begrüßung, als ich die Boote etwas zu euphorisch direkt ins Wasser lasse. So einfach sei die Nordsee nicht, sie habe ihre eigenen Regeln. »Die Gezeiten bestimmen den Zeitplan«, sagt Lars, »du musst dich nach dem Tidenkalender richten, deshalb ist Pünktlichkeit das oberste Gebot für Seekajaker.« Da wir das ablaufende Wasser nutzen wollen, um nach Spiekeroog zu paddeln, warten wir auf den Tidenkipp. Noch fast zwei Stunden. Mehr Zeit als gedacht, um Zelt, Schlafsack, Isomatte, Kocher und Co., in wasserdichten Packsäcken verstaut, in den Kajaks unterzubringen.

Um halb neun abends laufen wir aus, gemeinsam mit einem Fischkutter, der auf Krabbenfang geht. Das Tuckern des alten Dieselmotors ist bald verschwunden, und wir paddeln allein hinein in die blaue Stunde. Eins, zwei. Eins, zwei. Gleichmäßig und mit jedem Paddelschlag entfernen wir uns von der Küste, und man spürt, wie das Kopfkino umschaltet. Wie schnell der Alltag wegdimmt, ist faszinierend. Das liegt daran, dass man im Grunde nichts weiter tut, als monoton zu paddeln. Bis auf einige wenige Momente kann man seinen Geist abschalten und die Seele unbeschwert in Zeit und Raum umherschweifen lassen. Seekajaken ist Müßiggang pur; vor allem wenn das Wetter mitspielt. So wie heute.

Die Nordsee zeigt sich von ihrer fast lieblichen Seite, als wolle sie meine Jungfernfahrt so angenehm wie möglich gestalten. Schlag um Schlag kommen wir der Insel näher. Allerdings: Was vom Festland aussah wie ein Katzensprung, zieht sich hin. Auf offener See fällt es schwer, Entfernungen zu schätzen. Die gute Stunde, die wir für die sieben Kilometer lange Strecke kalkuliert hatten, werden wir trotzdem einhalten. Das ablaufende Wasser hilft wie ein sanfter Turbo. Auf einem ruhigen Fließgewässer wie der fränkischen Altmühl zum Beispiel, das ich gut kenne, schafft man in vergleichbarer Zeit vier bis fünf Kilometer.

Der Zeltplatz Spiekeroog an der Westküste der Insel, den wir für die Nacht ausgesucht haben, gilt als einer der schönsten Naturcampingplätze Europas. Er liegt knapp drei Kilometer vom Ortskern entfernt. Jetzt, Anfang Mai, haben wir ihn fast für uns allein. Unter den wenigen Gästen sind ein paar weitere Paddler. Urs, ein Seekajakurgestein weit jenseits der siebzig, wie sich später herausstellt, begrüßt uns am Strand und kommentiert süffisant meinen Versuch, das schwer beladene Boot über die Hochwasserlinie zu wuchten.
»Es gibt immer zwei Arten von Eseln«, tönt er, »die einen schleppen, bis sie tot sind, und die anderen laufen, solange sie leben. Besser man gehört zu Letzteren.«
Sagt’s und greift die Bootsspitze, um zu helfen. Ziemlich schnell sitzen wir dann bei Urs und seiner Frau Gretha im Vorzelt und stoßen mit selbst gebranntem Haselnussschnaps an. Die beiden verbringen fünf Wochen auf Spiekeroog – im Zelt, ohne Stromanschluss, Heizung oder fließend Wasser.
Wann wird uns der Tidenkalender am nächsten Morgen aus den Federn zwingen? Unser Plan: ein Stück aufs offene Meer rauspaddeln, Richtung Langeoog, zur Ansteuerungstonne, die als Signal für die größeren Schiffe die Fahrrinne markiert. »Dreizehn Uhr ist fein«, sagt Lars. Klingt gemütlich. Der Mond, als Gezeitendirigent, ist in diesem Fall mein Freund.

Als wir später unsere Zelte aufschlagen, ist es bereits dunkel. Ein Blick rüber zu meinen Paddelkollegen, und sofort ist klar, warum ich als Seekajak-Greenhorn gelte: Die beiden zaubern Rotweinflaschen, Zweiflammenkocher und sogar Campingstühle aus den Luken ihrer Seekajaks. Ich bin es dagegen gewohnt, mit leichtem Gepäck zu reisen, weil in mein kleines Wildwasserkajak, mit dem ich normalerweise unterwegs bin, keine Rotweinvorräte passen. Klar, diesmal hätte ich großzügiger sein können.

Ich liege noch eine Weile wach und versuche, zwischen dem Geschrei der Silbermöwen den Ruf der seltenen Sumpfohreule herauszuhören, die hier am Zeltplatz ihren Brutplatz hat. Bevor mir klar wird, dass ich von Vogelstimmen in Wirklichkeit keinen blassen Schimmer habe, übermannt mich die Müdigkeit. (...)

 

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