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Ein Schiff wird kommen

Die kanadische Organisation Sailcargo baut mit einem Team aus Profis und Amateuren im Nachhaltigkeitsmusterland Costa Rica einen Frachtsegler aus Holz. Das Projekt nutzt auf seiner Werft in Punta Morales alte Handwerkstechniken, verknüpft sie aber mit modernen Komponenten wie einem Elektromotor und Leichtgewichtssegeln. Die traditionellen Techniken werden den Amateuren in Workshops beigebracht. Jan Joswig ist als grüner Abenteurer dabei.

TEXT: Jan Joswig  / FOTOS: Verena Brüning

Artur kann nicht fassen, dass ich noch immer keine Rücken­ schmerzen habe. Niemand schwingt die Axt so körper­kasperig wie ich, schwört der polnische Bootsbauer. Aber schließlich bin ich Anfänger – umgeben von ausgebildeten Zimmermännern und Bootsbauern. Sechs Wochen helfe ich in Costa Rica auf der Werft Astillero Verde mit, auf der aus Holz der Frachtsegler »Ceiba« gebaut wird, das Mutterschiff für einen emissionsfreien Seehandel. Ideologisch entfacht, aber technisch unbedarft trete ich als Hilfsarbeiter in großer Mission an.


Wer zu Astillero Verde geht, sollte in der rechten Hand eine Motorsäge und in der linken eine Blume tragen. Das hier ist Hippie­land, aber mit dem Businessplan eines modernen Start­ups. An einer Sackgasse direkt an der Bucht von Nicoya, 70 Kilometer vom Touristen­Hotspot Monteverde entfernt, liegt die Werft zwischen den Mangroven wie ein Ableger des Protestcamps aus dem Hambacher Forst:

Baumhäuser (mit Trampolin), Wellblechbaracken, Rundzelte, Kompostklo und Kräutergarten. Ein Camp, in dem sich wochentags von 6.30 bis 16 Uhr 15 Männer und zwei Frauen aus zehn Nationen für ihr Traumschiff die Knochen wund schuften, Spant für Spant, seit über einem Jahr, noch zweieinhalb Jahre bis zum Stapellauf, um es dann gegen die konventionellen Motorfrachter ansegeln zu lassen.
Wenn ich zwischen meinen profanen Aufgaben auf der Werft die Vision aus dem Blick zu verlieren drohe, trete ich von hinten an die Schiffsbaustelle heran und blicke die 36 Spanten des Rumpfes entlang bis in den Bug. Ich sehe ein Kirchenschiff, eine Saalkirche – der Bug als Apsis. Und ich glaube wieder. Dieses Holzgerippe erhebt einen ins Religiöse, wie das Skelett eines Pottwals. Etwa 10 000 Jahre hat man auf Holzschiffen unter Segeln die Hochsee befahren, 100 Jahre auf Stahlschiffen mit Verbrennungsmotor.

Vielleicht wer­ den sich diese 100 Jahre als kurze Irrung der Seefahrt herausstellen. Der Bau der »Ceiba« ist eines der Projekte, die eine Kurskorrektur vornehmen. Die beiden Initiatoren, die Kanadier Lynx Guimond und Danielle Doggett, verbinden diese romantische Rückbesinnung mit wirtschaftlichem Erfolgswillen und ökologischem Nachhaltig­keitsanspruch. Ein Umdenken im Seehandel ist dem Zimmermann und der Kapitänin Herzens­ und Vernunftanliegen, finanziert von Investoren als idealistische Verbündete (geschätzte Gesamtkosten: 3,6 Millionen Dollar). 90 Prozent des globalen Warenverkehrs erfol­ gen mit Frachtschiffen, angetrieben durch Schweröl, die für einen erheblichen Teil der Kohlendioxid­ und Feinstaubemissionen ver­antwortlich sind. Aber noch taucht der Seehandel unter dem Radar der neuen Ökobewegung weg.


Zusammen mit Frachtseglern wie der »Avontuur« aus Deutschland und der »Tres Hombres« aus den Niederlanden will die »Ceiba« ein neues Bewusstsein und eine echte wirtschaftliche Alter­ native schaffen. Der 45 Meter lange Dreimaster wird der erste Holz­ neubau in dieser Avantgardeflotte. Aber Lynx und Danielle sind keine Scheuklappen­Nostalgiker. Bei Flaute und im Hafen wird sich das Segelschiff mit einem E­Motor behelfen können, der aus Solar­ zellen und Windrädern an Bord gespeist wird.
Genauso wichtig wie das Schiff ist den beiden der Ort, an dem es gebaut wird: die Werft. Schon die Entscheidung für Costa Rica fiel gezielt. Das Öko­Musterland hat 30 Prozent seiner Fläche un­ter Naturschutz gestellt und forstet mehr Wald auf, als es abholzt. Die improvisierte Camp­Architektur, die hohe Eigenverantwort­lichkeit jedes Beteiligten, die gezielte Einbindung der lokalen Com­munity sind Teil eines holistischen Ansatzes, der utopische Gemein­schaft, nachhaltiges Wirtschaften und Full Profit zusammendenken will. Astillero Verde ist Sägewerk und Werft, Kommune und Welt­ genesungsprojekt. Das internationale Team ist jung – zwischen 20 und 30 –, ungebunden und abenteuerlustig. Die »Yardies«, wie sie...

 


Den kompletten Artikel findest Du in der Ausgabe 1/2020

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