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EIN MANN GEHT STEIL

Klettersteig-Touren sind etwas zwischen Bergwandern und Bergsteigen. Selbst Anfängern sollen sie das echte Felsenfeeling vermitteln. Angeblich ohne große Gefahr und Probleme. Unser Autor hat das nachgeprüft.

TEXT: Maik Brandenburg / FOTOS: Dmitrij Leltschuk

Ein Bergschisser bin ich. So viel ist klar. Ich drücke mich an den Fels, kralle meine Finger in winzige Löcher und Rillen. Unter mir sind Hunderte Meter Luft, über mir ist nur Gestein. Hinter mir präsentiert sich die grandiose Landschaft der Sextner Dolomiten in Südtirol. Vor allem die sanft aufsteigenden Almen, grün und bunt von zahllosen Blumen. Dazu ein paar graublaue Seen und Schluchten, die in Täler führen. Nebel und Rauch steigen aus den Schornsteinen ferner Orte auf. Es könnte so idyllisch sein. Doch dann sind da noch diese abrupt aufsteigenden Felsen. Runzlige Giganten, die sich bedrohlich vor die blühende Pracht stellen. Die mächtigsten von ihnen sind die Drei Zinnen, deren höchster Gipfel sticht an die 3000 Meter in den Himmel. Wie grimmige, in ihrer Rüstung erstarrte Krieger der Urzeit stehen sie da. Geröll, Schutt, haushohe Trümmer erstrecken sich zu ihren Füssen, als wären es Häuser und Mauern einer antiken Stadt, zermalmt von einer wütenden Raserei. Die Zinnen sind umgeben von weiteren Riesen, dem Paternkofel etwa, der Hohen Gaisl oder dem Toblinger Knoten.
Genau an diesem, dem Toblinger Knoten, klebe ich jetzt wie ein flügellahmer Brummer. Ich höre das Keuchen des Fotografen, der sich eine Leiter hinaufzwingt, die in die steile Wand eingeschlagen ist. Da muss ich gleich hinterher. Und dann weiter über weitere Leitern, einige quer von Felsvorsprung zu Felsvorsprung gelegt. Andere überbrücken enge Spalten, man muss Klimmzüge machen, um an ihre Sprossen zu gelangen. Oder einen Spagat überm Abgrund wagen. Oder bäuchlings über sie kriechen. Steinchen und Steine fallen an mir vorbei. Ich schließe die Augen, presse den Kopf an die Wand. Meine Finger möchten sich in den Stein bohren. Ich mache die Augen wieder auf. Die Leere unter mir, das scheinbar ausweglose Festsitzen am Fels, die schwindelnde Gefahr, sie erinnern mich an ein Bild aus einem Albtraum. So weit oben, so verloren, so allein. Im Traum konnte ich mich einfach nach hinten fallen lassen und der Gefahr entfliegen. Aber hier? Hier ist die Realität, sie nennt sich Klettersteigtour. Das ist etwas zwischen Wandern und richtigem Bergklettern mit (fast) allem Drum und Dran. Mit Helmen und Handschuhen, mit Gurten, die sich um Bauch und Beine spannen. Mit starken Seilen zum Hochziehen und Fallen. Mit Fangstoßbremsen, die solch einen Sturz abschwächen. Mit Karabinerhaken und mit Haken im Gestein. Mit fußbreiten Graten, die an Steilhängen entlangführen. Mit Holzbrücken und viel zu dünnen Trittstiften. Mit Überhängen, luftigen Kanten, dunklen Kaminen und Zacken zum Dranklammern und Dranstoßen. Mit Schwitzen, Japsen und irgendwann mit Muskeln wie Wackelpudding. Vor allem aber – das ist der wesentliche Unterschied zum echten Felswandklettern – mit dicht am Fels gespannten Stahlseilen. So kann man sich an den gefährlichsten Stellen »versichern«, wie es im Bergführerdeutsch heißt. Beim ersten Klettersteig vor rund 150 Jahren war es ein Schiffstau, heute sind es Drahtseile, in denen sich meine zwei Karabiner wie in eine Reling einklinken. Würde ich fallen, dann höchstens einen halben Meter. Das hat jedenfalls Felix behauptet, der heute unser Führer ist. Doch kann man jemandem trauen, der diesen Steig…
 


Den kompletten Artikel findest Du in der Ausgabe 3/2018

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