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EIN GAUNER IM HIMMEL

Manchmal ist das Schicksal schon Abenteuer genug: Maxime Kavtaradze war ganz unten gelandet. Doch dann kletterte er auf einen Felsen Georgiens und nahm sich die Freiheit eines neuen Lebens

Leben auf einem Felsen in Georgien

TEXT: MAIK BRANDENBURG /  FOTOS: DMITRIJ LELTSCHUK


Dort, wo der Kleine Kaukasus am grünsten ist, wohnt Maxime Kavtaradze auf einem vierzig Meter hohen Felsen und hofft, eines Tages heilig zu werden. Noch ist er nicht so weit. Noch ist er lediglich ein Mönch mit einer schwerwiegenden Polizeiakte. Noch hat er erst eine Kirche gebaut, mit jedem Stein, den er auf den Gipfel schleppte, eine Sünde abtragend. Noch ist er nur ein erbarmungswürdiger Büßer, der sich vor der Hölle fürchtet. Hier oben jedoch, auf dem Felsen aus bröckelndem Kalk, ist er ihr auf vierzig Meter entwischt.


»Ich brauchte ein halbes Leben für diesen Weg«, sagt Maxime Kavtaradze. Es ist Ostern, als wir ihn treffen. Vater Maxime sei schwierig. Hart, abweisend. So wie der Felsen, auf dem er wohnt. Einen Fotografen, der ihn einmal besuchen wollte, ließ er angeblich vier Tage unten beten, sieben Stunden am Tag, ehe er ihn heraufbat. So gingen die Gerüchte.


Eine hölzerne Leiter, im Gestein blüht Edelweiß, in den Wäldern heulen Schakale. Wir steigen den Felsen hoch, passieren eine Höhle, halten am Granit fest. Ganz oben steht er und wartet. Vater Maxime, der Mönch: graue Augen, graues dünnes Haar, der Bart wie ein gefrorener Wasserfall. Die Hände sind Uhrmacherhände, lang und fein, die Nägel sauber geschnitten. Die blaue Kutte, darüber eine Weste aus Filz, »mein tragbarer Ofen«. Schuhe aus poliertem Leder. »Seid willkommen«, sagt Vater Maxime. Die Nase eines Boxers.


Er führt in sein Haus. Über hundert Jahre stand es unten im Dorf, nicht weit von hier. Seine »Jungs«, die ihn verehren, Arbeitslose aus Tiflis, Maurer aus den Bergen, Lehrer aus Gori, nahmen es auseinander, trugen es auf den Felsen, Brett für Brett, Sprosse für Sprosse. Auf dem Gipfel setzten sie das alte Haus wieder zusammen. Jetzt steht es hoch über den Dächern Katskhis, hart am Nichts. Ein schmaler, steiler Weg oben auf dem Felsen führt zum Haus, vorbei am Plumpsklo, am Gestrüpp, das den Abgrund verdeckt. Ein Gärtchen mit Zwiebeln und Lauch, daneben ein Gestell für die Seife, das Handtuch, das Waschwasser.


Durchs Fenster der Küche blickt man auf einen markanten zweiten Felsen. Dieser andere Felsen ist kaum einen Kilometer entfernt, schmaler als dieser, doch ebenso frei stehend:  eine steile Säule aus Kalkstein inmitten des Tals, bedrängt vom Grün bewaldeter Klippen. Bevor Vater Maxime auf seinen heutigen Felsen umsiedelte, lebte er zwanzig Jahre dort drüben, allein, ganz oben auf dem windigen Plateau der großen Felsnadel in den Wäldern Georgiens. Wenn er rüberblickt zu seinem alten Felsen, sieht er die Kirche auf dem Gipfel. Seine Kirche. (...)

 

Den kompletten Artikel findest Du in der Ausgabe 3/14

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