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DIE MÄNNER AUS TEAHUPO'O

Wellen, Strand und blauer Himmel. Tahiti klingt einfach. Einfach schön. Aber wer durch seinen Dschungel streift, stößt auf die Wurzeln einer Welt, die von mehr als nur einem starken Stück Natur erzählt.

Dschungeltrail in Tahiti

Text: Heico Forster | Fotos: Ben Thouard

Die Feinde kamen über das Meer. Dort, wo die Welt war, gleich hinter den Wellen. Auf ihren Kanus, den Va’a, wurden sie von Brandung an die Küste geschleudert.
Die Männer aus Teahupo’o standen am Strand und wussten, dass es jetzt um Leben und Tod geht. Mit Geschrei liefen sie auf das flache Riff, direkt vor ihrem Dorf. Drohgebärden sollten die Angreifer provozieren, um sie genau dorthin zu locken. Hinter die Wellen. Die Brecher waren ihre größte Waffe. Sie hatten eine solche Wucht, solche unbändige Kraft, dass ihnen nur Kriegsgötter trotzen konnten. Die Feinde spülten aufs Riff, ihre schmalen Holzboote wurden von den Wasserwalzen abgeworfen, zermalmt. Viele starben in den Fluten. Manche schafften es bis ans Land. Aber bevor sie nach Luft schnappen konnten, schlugen die Männer ihnen die Köpfe ab. Die Legende sagt, dass der Wall um Teahupo’o zur Abschreckung aus Schädeln besteht. Teahupo’o bedeutet »Mauer aus Köpfen, die in der Sonne trocknen«.

Diese Wellen. Sie sind nicht nur Wasser. Sie tragen Geschichten. Sie erzählen Geschichten. Sie haben eine besondere Bedeutung für den Ort. Heute klingen sie völlig anders als gestern. Früher hielten sie Feinde ab. Heute kommen die Surfer, weil sie auf den besten Wellen der Welt tanzen wollen. Auf beiden Seiten der Straße, die durch die Ansiedlung führt, ducken sich Holzhäuschen zwischen Palmen und tropischem Grün. Blauer Himmel, ein warmer, leichter Wind und braun gebrannte Helden in Shorts und Flip-Flops, die ihre Boards zum Strand tragen. Ein Paradies. Hier verliert man jetzt wegen anderer Dinge den Kopf.
Hinter Teahupo’o steht ein weißer Kilometerstein. Eine Null steht darauf.

Die Straße endet dort, sie wird verschluckt vom dichten Tropenwald. Dieser Dschungel ist unser Ziel. Zu Fuß wollen wir den Te Pari entlanggehen, einen Pfad, der sich um die raue Küste von Tahiti Iti windet, der kleinen Schwester der Hauptinsel Tahiti Nui. Es wird nicht leicht werden, dieses warme Glück am Strand zurückzulassen. Um uns in eine grüne Hölle zu stürzen.

Im Hafen wartet Guide Marc Dauphin, um uns an die Südspitze der Insel zu bringen. Dort beginnt der Trail. Marc ist ein Kerl wie ein Baum, mit riesigen Händen und einem Kreuz zum Fürchten. Für einen Tahitianer ist er ungewöhnlich groß. Ohne Mühe hebt er unser Gepäck an Bord und löst die Leine des Kutters. Das kleine Boot tuckert aus dem Hafen. Sofort wird es vom Pazifik gepackt. Er spielt mit uns, wie es ihm gerade gefällt. Rüttelt an den Planken, klatscht uns die Gischt in die Gesichter. Vor uns türmt sich das Wasser auf. Nicht irgendwelche Wellen, die Wellen. Wie eine Wand, die wir knacken müssen. Nur hier laufen die gigantischen Brecher so kraftvoll, haben eine so schöne Hohlform. Dieser Traumspot ist nur was für echte Höllenhunde. Er gehört zu den gefährlichsten der Welt.

Vom Strand fällt der Grund zuerst nur sehr flach ab, bis das Meer plötzlich jäh in die Tiefe fällt. An dieser Kante brechen die Wassermassen. Ideal für die Besten der Szene. Die Surfer wissen genau, wo sie warten müssen, um ihren nächsten Ritt zu starten. Einmal im Jahr, Ende August, erwacht das Nest aus seiner Lethargie. Beim Worldcup messen sich hier die besten Wellenreiter. Hunderte Zuschauer belagern in dieser Zeit den Strand. Sie hoffen, ihren Helden nah zu sein. Kelly Slater, Mick Fanning oder Jeremy Flores.

Unser Held heißt Marc. Er steht breitbeinig an Deck und brüllt gegen den Außenbordmotor. Er deutet mit großer Geste auf die Bucht, an der wir vorbeischippern. Fantastique! Der Tropenwald sieht aus, als wäre es der Jurassic Park der Südsee. Die Hänge sind so stark bewachsen, als hätte Steven Spielberg nachgeholfen. Sicher lässt er gleich einen Archaeopteryx über die Gipfel fliegen. Schmale, hohe Wasserfälle stürzen von den steilen Wänden in die Tiefe. Davor die Fluten, die wütend an die Felsen krachen.
In einer geschützten Bucht tauchen ein paar Hütten auf. Gekonnt legt Marc an einem Bootssteg an. Seine Familie betreibt hier eine kleine, abgelegene Pension. Kein Telefon, kein WLAN. Südsee. Nur Südsee. Direkt hinter dem Anwesen beginnt der Trekkingpfad. Dreißig Kilometer an der Küste, bis nach Tautira, im Norden der Insel. Auf der Veranda gibt es noch einen Tee, bevor es losgeht. Es hat zu nieseln begonnen.

Marc geht voraus. Plötzlich hat ihn vor unseren Augen die Vegetation verschluckt. Es scheint, als betrete er einen vertrauten Ort. Einen Ort, den er liebt. Dem er vertraut. Respektiert. Je länger wir gehen, desto klarer wird: Er ist eins mit dem Wald. [...]

 

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