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AUF TAUCHSTATION

Ein alter Kreidesee in Niedersachsen ist zum Taucherparadies geworden. Wer dort Flugzeugen und einem weißen Hai begegnen will, muss sehr tief sinken und ziemlich lange die Luft anhalten

TEXT: Marc Bielefeld / FOTOS: Nikita Teryoshin

Hemmoor ist ein leicht moribundes Kaff im Norden Niedersachsens, unweit fließt die Oste, im Norden die Elbe. Es gibt zwei, drei Discounter hier, Nahe der Hauptstraße einen Laden für Sanitärbedarf, das Zementmuseum und, etwas weiter die B 73 hoch, die Imbissbude »Pommi-Paul«. Hier und da schieben Menschen Einkaufswagen durch die Gegend, es nieselt, und dann gibt es da noch den Campingplatz am See. Auf einem Schild steht: »Tauchbasis Kreidesee. Campen, Tauchen, U-Bootfahren.« Kurz vor der Schranke zum Campingplatz stehen ganze Wagenburgen. Camper und Vans, Zelte und Vorzelte, qualmende Grillecken, Männer und Frauen in Thermoanzügen und Funktionssocken. Auf der Wiese liegen überall Pressluftflaschen herum, gefüllt mit Nitrox, Helium, Trimix. Auf den Kühlerhauben der Autos trocknet Neopren als Anzug, Haube, Weste.

Die Camper in Hemmoor sind eine in Deutschland wohl einmalige Ansammlung tiefenverrückter Taucher. Dass ausgerechnet die mehrheitlich von Kühen bevölkerte Ecke im südlichen Landkreis Cuxhaven zu einem berüchtigten Tauchspot geworden ist, liegt vor allem an einem geologischen Phänomen. Genau hier trat vor über 150 Jahren eine Ader seltener Scheibkreide ans Tageslicht. Prompt rückten Grubenarbeiter und Sprengmeister an, um den Rohstoff abzubauen – und hoben in den nächsten 117 Jahren ein immer tiefer werdendes Loch aus.

Die im Jahr 1862 gegründete Ziegelbrennerei nebenan wuchs zu einem der größten Zementlieferanten der Welt, der »Portland Cement Fabrik Hemmoor«. Der aus Kreide gewonnene Mörtel von der Elbe wurde in alle Herren Länder exportiert, wurde angeblich sogar für das Fundament der New Yorker Freiheitsstatue verwendet. In Hemmoor grub man derweil unverdrossen weiter, bis die Kreideförderung Ende der 1970er-Jahre eingestellt wurde. Das »Loch« in der Norddeutschen Tiefebene hatte sich inzwischen über eine Fläche von 60 Hektar ausgedehnt und eine Tiefe von fast 120 Metern erreicht. Ein Monsterkrater im niedersächsischen Nirgendwo, der nun teilweise zugeschüttet und anschließend geflutet wurde. Sechs Jahre lang sickerte Grundwasser in die alte Kreidegrube, der Pegel stieg und stieg – bis die geflutete Superkuhle vor den Augen der Hemmoorer zu einem prachtvollen See anschwoll. Einem See, der aufgrund des basischen Gesteins kaum Algen besaß und so gut wie planktonfrei war. Es dauerte nicht lange, bis die ersten Sporttaucher aufkreuzten. Sie entdeckten eines der klarsten und tiefsten Gewässer Deutschlands, seilten sich die steilen Böschungen hinab, um auch die entlegenen Stellen des Sees zu betauchen. Steilwände und bizarre Unterwasserwälder taten sich da unten auf, die Taucher schwebten über senkrechte Kreideklippen hinab, genossen Sichtweiten von über 20 Metern und landeten auf dem korallenhellen Grund des Sees: noch immer in 60 Meter Tiefe. Das kleine Hemmoor avancierte zum Taucherhimmel.

Sharanne, Tina, Silke, Curt und Tolga kennen sich vom Elmshorner Tauchsportverein »Die Schlickteufel« und treffen sich oft am Kreidesee zum Tauchen. Sie sind mit Pkws und einem Hymer-Mobil angereist, spannen einen Pavillon auf, haben Campingstühle dabei, Yogamatten, Schwenkgrill, Klapptisch. »Ein herrliches Wochenende«, sagt Sharanne. »Die Sonne kommt durch, da werden wir unten gute Sicht haben.«…
 


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