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AM ARSCH DER WELT

Hier ist Amerika völlig am Ende. Dafür tummeln sich in Ushuaia Abenteurer aus aller Welt. Biker, Segler, Trekker. Sie treffen sich am »culo del mundo«, wie sich der Ort liebevoll nennt...

Die südlichste Stadt Argentiniens

Um vier Uhr an diesem Nachmittag macht die »Golden Princess«, 290 Meter lang, zehn Decks hoch, an der Pier von Ushuaia fest. 2.000 Passagiere kippt der Amüsierpott am Ende der Welt aus.
Die Kreuzfahrer passieren das Hafenportal, die Zollstation, gehen die Calle Roca hoch und landen auf der Avenida San Martín. Sie sehen Souvenirshops mit bemalten Leuchttürmchen, Schokoladenpinguine, Plastiksträflinge. Sie beäugen Outdoormode, Fellstiefel und T-Shirts mit dem Schriftzug »Fin del Mundo – Principio de la Vida«.
Das Ende der Welt gleich zum Lebensprinzip zu erklären ist vielleicht etwas hoch gegriffen. Doch der Süden Feuerlands, eine der rauesten Ecken der Erde, ist zum begehrten Reiseziel geworden. Die Pauschalreisenden vom Schiff bilden für den Moment die touristische Mehrheit, aber sie sind nicht allein.

Trekker und Globetrotter sitzen neben ihren Rucksäcken in den Coffeeshops oder laufen durch die Gassen der kleinen Stadt, die wie ein bunter Haufen schiefer Holzhäuser am Fuß der Gebirgskette Cordillera-Darwin klebt. Vor den Pizzabuden parken schwer bepackte Enduros, die von Alaska bis Patagonien Tausende Meilen und zwei Amerikas hinter sich haben.
Hier endet ihr Trip. Unwiderruflich. Die »Ruta tres«, das letzte Stück der 17.000 Kilometer langen Panamericana, verliert sich im Nationalpark von Ushuaia. Weiter südlich kommen nur noch Berge, ein paar Inseln, später Kap Hoorn. Schließlich die Drakestraße, das Südpolarmeer, die Antarktis.

Es ist Sommer am südlichsten Zipfel Südamerikas, Hochsaison. Sämtliche Pensionen und Hotels sind voll. Dabei herrschen in diesen Breitengraden Bedingungen, die im Grunde wenig einladend sind. Fast alle fünf Tage braut sich ein Sturm zusammen. An vier Tagen in dieser Januarwoche rast der Wind mit 50 Knoten über den Beagle-Kanal. Zehn Windstärken, das Meer von Schaumkronen zerfetzt. So stark bläst es, dass die Autos in den Straßen wackeln und die Ampelmasten zittern.


Den Wolken folgt Sonne, folgt Regen, folgt Hagel. Der Himmel in brachialem Grau, dann wieder liegt gleißendes Licht auf den noch immer schneebedeckten Bergen. Vier Jahreszeiten an einem Tag kann man hier erleben, das ist ganz normal. Die Argentinier hier unten sagen: »Wenn du das Wetter bei uns nicht magst, dann warte einfach fünf Minuten.« Das Meer hat selbst im südlichen Hochsommer nie mehr als acht Grad. Karges Land, kaum bebaubare Erde, null Früchte. Wenig Gras, wenig Vieh. Im Norden warten Tausende Kilometer Einöde, die grandiose und wilde Erde Patagoniens. Früher war Ushuaia aus gutem Grund eine Sträflingskolonie, Verbrecher und politische Gefangene wurden hierher ins Niemandsland verbannt: Ausbrechen führte buchstäblich ins Nichts.


Vor 100 Jahren glich der letzte Vorposten Südamerikas einem aus Holzhütten zusammengenagelten Nest, wo Entdecker und Pioniere ihr letztes Pökelfleisch auf Schiffe luden, um sich ins Eis der Antarktis zu wagen. Vorher mussten sie noch Kap Hoorn runden, das gleich um die Ecke liegt. Fast 10.000 Seeleute haben dort ihren Tod gefunden. Bis heute ist es das berüchtigtste aller Kaps, das gefürchtetste aller Weltenden.

In dieser Ecke Südamerikas Ferien machen? Ausgerechnet dieses Fitzelchen Resterde zur Urlausdestination erheben? Lange klang das wie eine absurde Idee. […]

 

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