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1000 MEILEN BIS MANAUS

Goldgräber, Holzfäller, Hasardeure und brasilianische Schönheiten: Hunderte Menschen drängen sich auf den rostigen Flussdampfern des Amazonas. Eine Reise über den großen Strom, vom Delta bis in den Dschungel

Stromaufwärts in Brasilien

TEXT:  MARC BIELEFELD / FOTOS: ANDRÉ VIEIRA


Zwei Uhr nachts, die Menschen hängen kreuz und quer, der Wind aus dem Dschungel klebt auf der Haut. In Decken eingewickelte Köpfe wiegen von links nach rechts, von rechts nach links. Alle schlafen, dösen. Schlappen liegen auf dem Boden, Bananen, Wasserflaschen, Koffer, Chipstüten, Dosen, Kokosnusshälften. Der Diesel dröhnt, das Schiff zittert. So dampfen wir über den dunklen Amazonas. Zweitausend Kilometer stromaufwärts, sechs Tage bis Manaus.


Die »Liberty Star«, dieser zerschundene Dampfer, schmatzt durch die braunen Wellen, die im Lichtkegel des Suchscheinwerfers leuchten. Ein zerbeulter Kahn, der eine Fahne aus Rauch ausrotzt, die sich wie ein verwehter Korkenzieher im Himmel verliert. Gaiolas nennen die Einheimischen die Passagierdampfer auf dem Amazonas, »Vogelkäfige«. Die größeren Schiffe verbinden die Städte am Strom. Die kleinen Dampfer fahren von Dorf zu Dorf, biegen in die Seitenarme, arbeiten sich durch das Labyrinth aus Sandbänken, Untiefen und wuchernden Ufern, bis tief in den Regenwald.


Am Amazonas sind die Dampfer das billigste Reisemittel. Schwimmende Rostlauben, farbig bemalt und meist mit drei offenen Passagierdecks. Hunderte Haken sind unter die Decken geschraubt,  daran knoten die Passagiere ihre Hängematten fest: Es gibt kaum Kabinen, kaum Kojen an Bord. Geruht wird in bunten Baumwollmatten, die überall am Amazonas zu haben sind, in Geschäften, auf Märkten. Hängematten sind das Bett der Wahl in Amazonien.


Kein Gewürm kann einem so des Nachts den Hintern entlangkriechen. Schlafen in der Luft, mit Sicherheitsabstand zu den brasilianischen Bodentruppen: Spinnen, Schlangen, Kakerlaken. Ich hänge auf Deck drei, am mittleren Rand des Tüchermeers. Allein hier oben baumeln 250 Menschen, dicht and dicht; im Deck darunter noch mal so viele, unten auf dem Frachtdeck, neben den Mangokisten und Reissäcken, dösen abermals 200 in ihren fliegenden Betten. 700 Brasilianer, die über den Amazonas tuckern. Kinder, Greise, Soldaten, Holzfäller, Minenarbeiter, Nonnen, Abenteurer. Es ist Winter, große Ferien, Hauptreisezeit im Land. Halb Brasilien ist unterwegs,fährt zu Familienbesuchen, zurück zur Arbeit. Zu den Minen, Sojaplantagen und Rinderfarmen im Hinterland des Stroms.


Vier Uhr nachts. Aus der Schwärze des Flusses ab und zu Schreie. Vögel aus dem Dschungel, vermutlich Papageien. Vier Reihen vor mir schält sich ein Mann aus seinem Schlafgewickel, wankt zu den Toiletten. Ein süßlicher Geruch weht übers  Deck, verschmilzt mit dem Wind, dem Schweiß und dem Dreck auf der Haut.


Einen halben Meter rechts von mir schnarcht Junior, Goldgräber aus Surinam. Er hat sich in ein altes Handtuch gehüllt, seine Finger lugen heraus, beladen mit blitzenden Ringen. Nur Zentimeter links von mir, ich könnte sie anpusten, döst die Alte mit dem kanarienvogelbunten Umhang. Ab und zu öffnet sie die Augen, gähnt. Dann sackt sie wieder in ihren Dämmerschlaf. Schräg unter mir liegen drei Kinder auf dem Boden, schlafen. Von hinten ragen zwei Füße in mein Blickfeld. Frauenfüße, die Nägel bunt bemalt. Grüner Grund mit hellblauen Punkten und Silberhalbmond. (...)

 

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